Sabine Scholz (r.), Inhaberin des „Däumling No3“, und die langjährige Mitarbeiterin Britta Liedtke stehen ein letzes Mal gemeinsam vor der Secondhand-Institution. Foto: da

Secondhandladen und Treffpunkt –
Däumling No3 macht nach 45 Jahren zu

René Dan, Blankenese

Auf den ersten Blick scheinen die elegant gekleideten Schaufensterpuppen im Eingangsbereich wie immer zum Shoppen einzuladen – und doch ist an diesem 30. Dezember alles ganz anders: Der „Däumling No3“, die Blankeneser Secondhand-Institution an der Elbchaussee 537, schließt nach 45 Jahren seine Türen für immer.

Wer die fünf Steintreppen hinunterschreitet, findet weit mehr als Mode für alle Geschlechter und Generationen. Sicher, unzählige Pullover, Hosen, Blusen und auch einige Damenhüte sowie Herrenhemden finden Besucher im Souterain-Geschäft ebenso wie Sweatshirts und Jacken für Kinder. Bunte Ketten, blaue Ohrringe und weiße Ohrstecker hängen an einem purpurnem Stoffbrett, während gegenüber ein silberfarbenes Tablett, mit Gold- und Rubinfarben verziert, an die weiße Wand angelehnt ist. Um das Tablett herum: große, mal blau-, mal orange-, mal weiß-goldene Glasteller.

Hier gibt es einen sehr
großen  Zusammenhalt
Sabine Scholz,
Inhaberin des „Däumling No3“

„Hier konnte man einfach so reingehen, ,Guten Tag‘ sagen und sich unterhalten. Es ist sehr schade, dass der Laden schließt“, so Kundin Gudrun Dahlke. Sabine Scholz, die Inhaberin von „Däumling No3“, ergänzt: „Manchmal kamen Leute mit Keksen oder Kuchen vorbei.“ Oder mit Leckereien für Sabine Scholz‘ großes Süßigkeiten-Glas, aus dem Kinder naschen konnten. Bei Erwachsenen beliebt war ihr Kaffee, den sie immer mal wieder kostenlos reichte.

„Haut Coutür“ heißt es selbstironisch auf einem Schild

Bedauert das Ende des „Däumling No3“: Stammkundin Gudrun Dahlke. Foto: da

Trotz CDs – von Bejamin Blümchen, über Hannes Wader bis U2 –, DVDs – zuletzt Arthousekino von Regisseur Ang Lee oder große Oper mit Anna Netrebko in „La Traviata“ – Brettspielen wie „Bluff“ oder diversen Büchern, vom „Ultimativen Anleitungbuch“ zum Basteln bis zu „Zeit-Therapie“ – stets stand Kleidung im Mittelpunkt. Das gilt auch noch für den letzten Tag, selbst wenn ein für Herrenmode genutzter Raum der insgesamt 75 Quadratmeter großen Ladenfläche bereits leer geräumt ist.

„Wir haben 1.000 verschiedene Modemarken“, berichtet Sabine Scholz über die auf Kommissionsbasis – Scholz bekam die Hälfte des Preises – angebotenen und verkauften Artikel. Die Bandbreite reicht von gut erhaltenen „Kik“-Billiglabels bis zu „Haut Coutür“ – wie es selbstironisch auf einem Schild heißt – von Chanel, Joop oder Jil Sander.

Die Chefin fing als Teenie im Däumling an

„Im Däumling habe ich fast alles gefunden, ob Kleider, Röcke oder Blusen – zu einem günstigen Preis“, sagt Daniela Drevs. „Hier sind Generationen durchgegangen“, berichtet Britta Liedke, im Jahr 1978 Mitarbeiterin (fast) der ersten Stunde, die noch bei Däumling-Gründerin Birgit Guerke angefangen hatte. Für die hatte auch die jetzige Chefin Sabine Scholz noch gearbeitet, damals als Teenie.

Solidarisches Handeln erfuhr die Geschäftsfrau in besonderer Weise in Zeiten der Krise.
Den Corona-Lockdown konnte sie ebenso überstehen wie einen mehrmonatigen Umzug zur Straße Dockenhuden zum Jahreswechsel 2012/2013. „Es gab Freiwillige, die mitgeholfen haben – hier gibt es einen sehr großen Zusammenhalt“, sagt die Sülldorferin.

Sabine Scholz: „Ich fühle mich auch frei“

„Ich bedanke mich, dass ich so treue Kunden hatte“, sagt Sabine Scholz nach 16 Jahren als Inhaberin des „Däumling No3“.Foto: da

Warum aber wollte die gelernte Schneiderin den Gewerbemietvertrag nach 16 Jahren nicht verlängern? „Ich möchte etwas anderes machen.“ Sie werde sich eine Anstellung suchen, „gerne im Freien, vielleicht als Gärtnerin“. Der weitere Grund für die Schließung des Secondhandladens, für den sie keine Nachfolge fand: „Ich möchte mehr Zeit für mich haben.“ In den 16 Jahren ihrer Selbstständigkeit im Däumling habe sie wohl dreimal Urlaub gemacht.

„Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, so die Mutter zweier Töchter und zweier Enkelkinder. Sie habe einerseits viele schöne Erinnerungen. Und: „Ich bedanke mich, dass ich so treue Kunden hatte.“ Andererseits habe sie künftig nicht mehr die Verpflichtung, jeden Tag öffnen zu müssen und immer fit zu sein.

Somit lautet Sabine Scholz‘ Fazit zum Aus für das Traditionsgeschäft: „Ich fühle mich auch frei.“ – „Und alle anderen weinen“, ergänzt eine Kundin mit einem melancholischen Lächeln.

 

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