Beim Versuch, im Stubbenhof einen brennenden Container zu löschen, wurden Feuerwehrleute mit Böllern beworfen und mit Raketen beschossen und mussten auf das Eintreffen der Polizei warten. Foto: Hamburg News

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Schon der Bergprediger forderte ja, gegen das, was einen stört, radikal vorzugehen: „Und wenn dich dein rechtes Auge ärgert, so reiß es heraus und wirf es fort.“ Seit dieser Anregung hat das Gefühl stark zugenommen, mehr und mehr in einer Welt von Einäugigen, wenn nicht gar Blinden, zu leben. Silvester zum Beispiel – auch wenn das schon wieder ein paar Tage zurückliegt und heute längst vergessen ist: Gerade den letzten aller Abende des Jahres nehmen ja nicht wenige zum Anlass, alte Gewohnheiten oder gar Ängste und Sorgen über Bord zu werfen.

Leider nicht nur das: Es wird auch weggeschmissen, was das Zeug hält. Es wird aus allen Rohren gefeuert. Es pfeift und zischt. Bomben und Granaten! Alle in Deckung! In Zahlen: In nur wenigen Stunden wird die Luft mit so viel Feinstaub belastet, wie es der gesamte deutsche Autoverkehr in zwei Monaten schafft. Prost Neujahr! Herzlich willkommen in der Feinstaubhölle! Mal unter uns: Sind unsere Gehirne etwa schon tot? Oder sind wir total verrückt geworden? Oder womöglich beides?

Und was war denn da beim Jahreswechsel bei uns in Hamburg los? Menschen wurden angegriffen, Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten. Menschen, die helfen wollten, wurden mit Böllern und selbstgebauten Hobbybomben beworfen. Viele wurden verletzt, viel zu wenige wurden festgenommen. In Berlin oder anderswo war es ähnlich furchtbar. Aber keine Sorge, diese Kolumne soll ja keine Bergpredigt sein.

Ein neues Jahr hat begonnen. Alles auf null. Alles wieder von vorne. Und nach ein paar Tagen bereits werden auch diese Worte wieder vergessen sein, weil die Zeit dann auch schon wieder vergessen sein wird. Alles wird Schnee von gestern sein. Es wird kein Hahn mehr danach krähen. Und sowieso sollte man – vor allem an Silvester – mal Fünfe gerade sein lassen und alle Augen zudrücken dürfen. So blind lässt es sich auch viel entspannter und furchtloser in die Zukunft blicken. In die nahe Zukunft zuerst: Was wird das Wochenende bringen? Was der nächste Montag? Was macht die Welt? Und wie wird das Wetter bei uns im Norden? Lauter bange Zukunftsfragen sind das. Nur eines scheint sicher: Wir sind Menschen, wir können zählen. Das nächste Silvester kommt bestimmt – zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins…

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