Ortsbesichtigung: Die Wilhelmsburger SPD-Abgeordneten Kesbana Klein, Ali Kazanci und Jörg Mehldau machen sich ein Bild von den Ausbesserungsarbeiten. Foto: pr

Zur Stabilisierung schadhafter Stellen wurde an mehreren
Stellen flüssiger Lehm in den Boden gespritzt

Christopher von Savigny, Wilhelmsburg. Eine unschöne Überraschung erlebten die Teilnehmer der letzten Deichschau in Wilhelmsburg: Vielerorts fanden sich große Risse im Erdwall, zudem hatte die Zahl der Wühlmäuse offenbar stark zugenommen. Nachdem die örtliche SPD gemeinsam mit den Fraktionen von CDU, FDP und Grünen einen entsprechenden Antrag in der Bezirksversammlung Mitte verfasst hatte, gab die Umweltbehörde (BUKEA) schließlich grünes Licht und genehmigte 50.000 Euro für die nötigen Reparaturen.
Wer dieser Tage beispielsweise am Moorwerder Hauptdeich unterwegs ist, kann die Spuren der Ausbesserungen deutlich erkennen: Große Flecken von braunem Schlamm zeigen an, wo der hierfür nötige „Klei“ (flüssiger Lehm) zur Stabilisierung in den Boden gespritzt wurde. „Wir haben eine Vielzahl von geflickten Stellen gefunden“, berichtet der Wilhelmsburger SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Jörg Mehldau nach einem Ortsbesuch mit weiteren Parteimitgliedern. „Aus Wilhelmsburger Sicht waren diese Reparaturen dringend notwendig!“
Trockene Sommer und die – seit ein bis zwei Jahren – fehlende Schafsbeweidung haben offenbar dazu geführt, dass die rund 1,5 Meter dicke Deckschicht des Wilhelmsburger Ringdeichs vielerorts rissig und löchrig geworden ist. „Aufgrund von einer extrem wachsenden Wühlmauspopulation war die Deichsicherheit nur noch eingeschränkt gegeben“, heißt es in einer SPD-Pressemitteilung.
Normalerweise werden die Mäuse durch die Schafsbeweidung in Schach gehalten, da diese eine stabile kurze Grasnarbe und eine Bodenverdichtung zur Folge habe. „Es war Eile geboten, damit der Wilhelmsburger Ringdeich noch vor der Hauptsturmflutzeit repariert werden konnte“, so SPD-Mann Mehldau. „Auch wenn die Wahrscheinlichkeit nicht sehr hoch ist, besteht doch immer eine Restgefahr, dass bei mehreren Sturmfluten hintereinander die hydraulischen Wasserkräfte Risse und Löcher vergrößern, dann immer weiter ausspülen und im schlimmsten Fall zur inneren Erosion und zum Deichbruch führen.“

„Die Sicherheit war nicht gefährdet“
Interview mit dem Wilhelmsburger Deichvogt Henning Cordes

Deichvogt und Vorsitzender des Deichverbands Wilhelmsburg: Henning Cordes.
Foto: cvs

Auf der Elbinsel kümmert sich der Deichverband Wilhelmsburg um die Sicherheit der örtlichen „Hochwasserschutzanlagen“. Dessen Mitglieder nehmen an den halbjährlich stattfindenden Deichschauen teil und übernehmen die Pflege wie auch kleinere Reparaturen an den Erdwällen. Zudem bereitet der Deichverband mögliche Sicherungsmaßnahmen im Sturmflutfall vor. Vorsitzender des Wilhelmsburger Deichverbands ist „Deichvogt“ Hennig Cordes. Das Wochenblatt sprach mit ihm.

EW: Welchen Eindruck hatten Sie bei der letzten Begehung vom Zustand der Wilhelmsburger Deiche?
Hennig Cordes: Wir haben festgestellt, dass es eine Menge Wühlmauslöcher gab und dass der Deich Risse aufwies. Grundsätzlich ist das kein gravierender Mangel, aber er muss natürlich behoben werden. Die Standsicherheit der Deiche war in jedem Fall nicht gefährdet.

Wie kamen diese Mängel zustande?
Die Risse sind durch die Trockenheit im Sommer entstanden. Deiche bestehen zu einem Großteil aus Sand, der von einer ungefähr 1,5 Meter dicken Kleischicht umgeben ist (Klei ist entwässerter Schlick, d. Red.). Wenn diese Schicht austrocknet, kann das Wasser eindringen und den Deich zerstören. Da wir nicht wussten, wie tief die Risse gehen, mussten wir handeln.

Das zweite Problem waren die offenbar sehr zahlreichen Mäuselöcher. Normalerweise werden die Deiche von Schafen beweidet, die mit ihren Hufen dafür sorgen, dass sich die kleinen Nager dort nicht wohlfühlen. Warum jetzt nicht mehr?
Der alte Schäfer ist weggegangen, und es hat sich noch kein Nachfolger gefunden. Dies war das erste Jahr ganz ohne Beweidung! Für die Suche und die Beauftragung ist das Bezirksamt zuständig. Ich bin relativ zuversichtlich, dass wir da bald Erfolg haben werden.

 

Keine Schäden, nur
„Unterhaltungsmängel“
Das sagt die zuständige Umweltbehörde zum Zustand des Wilhelmsburger Ringdeiches

Der Wilhelmsburger Ringdeich hat eine Länge von knapp 24 Kilometern. Grafik: LSBG

Olaf Zimmermann, Wilhelmsburg. Die Deichschau im Herbst verdeutlichte, dass sich die Wilhelmsburger Deiche in keinem optimalen Zustand befinden. Festgestellt worden seien „Unterhaltungsmängel“. Nicht so schlimm, von echten Schäden könne man nicht reden. „Zu keiner Zeit bestand oder war mit einer Gefahrenlage an den Wilhelmsburger Deichen zu rechnen“, teilt David Kappenberg, Sprecher der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA), auf Anfrage mit.

Wer ist in Hamburg für den Unterhalt und die Pflege der Deiche zuständig?
Die BUKEA ist Eigentümerin aller öffentlichen Hochwasserschutzanlagen. Dazu zählen auch sämtliche Deiche. Um Unterhalt und Pflege kümmern sich je nach Gebiet BUKEA, die Hamburg Port Authority, die Bezirksämter und der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG).

Wie oft werden die Deiche untersucht? Von wem?
„Die Deiche werden regelmäßig und anlassbezogen von den zuständigen Deichunterhaltern untersucht. Zusätzlich findet an der Hauptdeichlinie jeweils zum Start (Herbst) und zum Ende (Frühjahr) der Sturmflutsaison Deichschauen statt“, so der BUKEA-Sprecher. An den Deichschauen nehmen Vertreter der Bezirke, HPA, der BUKEA, dem LSBG, der Deichverteidigungsorganisation Feuerwehr, THW, Ehrenamtliche der Deichverbände und örtliche Politiker teil.

Wer beurteilt verbindlich, ob ein Deich sicher ist oder nicht?
Die BUKEA. Als Eigentümerin der Hochwasserschutzanlagen ist sie verantwortlich für den Hochwasserschutz und die Beurteilung des Zustands der Deiche, Schöpfwerke und Sperrwerke. Im Auftrag der Behörde übernimmt der Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer die Deichaufsicht.

Welche Schäden wurden 2022 an den Wilhelmsburger Deichen festgestellt?
„Unterhaltungsmängel“ in Form von Trocknungsrissen und Wühlmauslöchern. Diese Mängel wurden inzwischen behoben. „Alle öffentlichen Hochwasserschutzanlagen befinden sich zum Start der Sturmflutsaison 2022/2023 in einem guten und wehrhaften Zustand“, so David Kappenberg.

Wie viel Geld stand 2022 für Unterhalt und Pflege der Wilhelmsburger Deiche bereit?
Insgesamt konnte der LSBG für den gesamten Ringdeich 435.000 Euro ausgeben. Für die Beseitigung der zuletzt festgestellten Mängel stellte die BUKEA weitere 26.000 Euro zur Verfügung.

Wie lassen sich durch Mäuse verursachte Schäden an Deichen verhindern? Durch Beweidung mit Schafen?
Wühlmäuse kommen in Hamburg ganz natürlich vor. Ihre Bekämpfung ist eine Daueraufgabe bei der Deichunterhaltung. Ziel ist es, die Anzahl der Mäuse klein zu halten. „Bei einem besonders starken Befall kann die Population durch das Einleiten von Gasen in die Wühlmausgänge reduziert werden“, sagt BUKEA-Sprecher Kappenberg. Meist reicht es, die Mäuselöcher mit flüssigem Klei zu verpressen.
Hilfreich wäre eine Beweidung der Deiche mit Schafen, weil der Boden verdichtet wird und das den Wühlmausbefall hemmt.
David Kappenberg: „Die Entscheidung, ob und welche Deichabschnitte beweidet werden, trifft die zuständige Deichunterhaltung gemeinsam mit den ansässigen Schäfern.“

Hintergrund: Wilhelmsburger Deiche
Bereits im 14. Jahrhundert entstanden die ersten Deiche an den Rändern der tief liegenden Elbinsel. Auf diese Weise versuchte man, die Flächen dem Einfluss der Tide zu entziehen und sie vor Sturmfluten zu schützen. Seit damals sind die Deiche immer wieder – meist nach großen Sturmflutereignissen – ausgebaut, verbessert und verstärkt worden.
Mitte des 19. Jahrhunderts erhielt Wilhelmsburg einen die gesamte Insel umschließenden Ringdeich. Nach der verheerenden Sturmflut von 1962 wurden der Hochwasserschutz in Wilhelmsburg verbessert und die Anlagen um rund 1,50 Meter erhöht. Aktuell haben die Deiche um Wilhelmsburg Höhen zwischen 7,50 und 8,35 Meter über Normalnull (NN). Zukünftig sollen sie weiter erhöht werden, um den erwartenden Herausforderungen (Klimawandel und Anstieg des Meeresspiegels) gewachsen zu sein. Quelle: LSBG

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