Mutmacher: Mentor „Toro“ Ejupi.Foto: kreller

Kommentar: Andreas Göhring über Gewinner und Verlierer
des Jahres 2022 im Hamburger Süden

Die Welt Ende 2022: Covid, Krieg, Energiemangel, Klimawandel und noch eine Grippewelle. Geht das jetzt immer so weiter? Kann man sich da überhaupt noch Gedanken über die Gewinner des Jahres machen? Sind wir nicht alle Verlierer?
Doch, es gibt auch Gewinner! Man muss sie nur sehen. Es sind Menschen, die uns gerade jetzt Hoffnung, vor allem aber Mut machen. Wie Christoph Birkel, Inhaber des lange Zeit einzigen Technologieparks in Norddeutschland. In Zeiten der schlimmsten Krisen hat er sein Unternehmen neu erfunden, hat dabei die historischen Wurzeln des Standorts nicht vergessen, sondern mit der alten, nunmehr hoch aktuellen und programmatischen Marke „Tempowerk“ ein Zeichen gesetzt. Die 110 Unternehmen werden jetzt konsequent zu einer Netzwerk-Plattform entwickelt, in der die Kunst mehr ist als begleitendes „Gedöhns“. Birkel: „Das Tempowerk ist für uns eine Gemeinschaft Gleichgesinnter, die sich gegenseitig unterstützen und Wissen teilen.“
Auf andere Art Mut macht Mentor A. Ejupi, in Harburg besser bekannt als „Toro“. Der Maler und Konzept-Künstler aus Pristina im Kosovo ist irgendwann in Harburg hängengeblieben, zufällig, eigentlich wollte er weiter nach Utrecht. Es hat ihn schnell gepackt, was genau ist gar nicht so klar. Dieses unbestimmte Gefühl hat er in Worte gepackt: „Harburg – love it or leave it.“ Harburg kann man nur lieben. Oder man sieht zu, dass man das Weite sucht.
Dann kam der Krebs. Die Diagnose war niederschmetternd. Das Leben zog an Toro vorüber. Abschiedsstimmung. Doch der Künstler hatte noch so viel zu sagen. Da entschied er sich für die beste aller Therapien. Er begann zu kämpfen – wie ein Berserker. In dieser Zeit entstand ein wuchtiges Werk. Seine Tochter Alketa fand den passenden Titel für eine großartige Ausstellung: „Kalon“. Das ist albanisch und heißt: „Es geht vorüber.“ Das kann die Krankheit sein. Oder das Leben. Oder all die Krisen. Inzwischen geht es Toro wieder spürbar besser.
Susanne Aatz wäre gerne in Toros Ausstellung gewesen, hätte sich gerne alles genau beschreiben lassen. Die Diplom-Pädagogin hat nur noch zehn Prozent ihrer Sehkraft. Trotzdem kann man sie überall in Hamburger Süden treffen. Meistens ist sie mit ihrem blinden Partner Riko und ihrem Assistenzhund „Malte“ unterwegs, einem stattlichen schwarzen Labrador. Sie ist getrieben von einer der wertvollsten Tugenden, der Neugier. Trotz ihres Handicaps ist Susanne Aatz aktiver Teil der Gemeinschaft, mischt sich ein, hilft wo sie kann. Und was sie in den sozialen Medien von ihrem Zuhause preisgibt, klingt nach Geborgenheit pur. Was für ein schönes Leben! Das macht Mut.
Im Schatten der weltweiten Krisen dümpelte die Harburger Bezirkspolitik eher still vor sich hin. Dennoch sollte eine Handvoll öffentlicher Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Bilanzen durchaus erwähnt werden. Wie Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen (SPD). Nach einem holprigen Start, bei dem sie zunächst von der Boulevardpresse gemobbt wurde, konnte sie bald auch die Kübel voll übler Nachrede, die die Harburger CDU über sie ausschüttete, vergessen machen. Inzwischen gilt sie nicht nur bei den Harburger „Regierungsfraktionen“ von Grünen und SPD als kompetente, kommunikative und fleißige Partnerin, die zudem alle wichtigen repräsentativen Verpflichtungen wahrnimmt.
Negativer fällt sicher die Bilanz des SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Sören Schumacher aus. Er wurde als Kreisvorsitzender – für ihn offenbar überraschend – abgewählt. Das muss nicht das Ende seiner politischen Karriere sein, er müsste sich allerdings mal intensiv mit dem Unterschied zwischen der eigenen und der öffentlichen Wahrnehmung auseinandersetzen. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion erweckt stets den Eindruck, an seiner eigenen Karriere zu arbeiten, um eines fernen Tages Staatsrat der Innenbehörde zu werden. Wenn es aber in der Bezirkspolitik brenzlig wird, duckt sich Schumacher schnell weg.
Wer die Harburger Grünen nach „ihrer“ Bürgerschaftsabgeordneten Britta Herrmann fragt, bekommt regelmäßig zur Antwort: „Ja, wo ist sie eigentlich?“ Der Kontakt zwischen ihr und der grünen Bezirksfraktion scheint ausbaufähig zu sein. Den Kontakt zum Wahlvolk scheint sie überhaupt nicht zu wollen. Ein Wahlkreisbüro oder gar regelmäßige Bürgerfragestunden für die direkt gewählte Abgeordnete? Fehlanzeige!
Ex-Rieckhof-Chef Jörn Hansen fühlt sich sicher als Verlierer. Immerhin hat man ihm auf nicht immer transparente Weise sein Lebenswerk genommen und anderen übergeben. So kann man es sehen. Man kann aber auch der Meinung sein, dass es bei der Leitung eine Stadtteilkulturzentrums, dessen „Macher“ kurz vor der Pensionierung steht, Zeit für einen Wechsel ist.
Tröstlich für Jörn Hansen: Er könnte sich selbst ganz schnell zum Gewinner machen, wenn er seine gekränkte Eitelkeit ablegen und dann endlich aufhören würde, auf die Namensrechte an der Marke „Rieckhof“ zu pochen.

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