Auf der Ehrenrunde mit dem Weltpokal: Weltmeister Sepp Maier trägt babyblau. Foto: wikimedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Jetzt, da diese seltsame WM ja endlich bald vorbei sein wird, doch noch einmal eine Fußballgeschichte – aber eine wirklich gute. Versprochen!

Als die Welt unterging, saß ich hilflos auf der Rückbank. Sie war bequem, wir drei Brüder hatten reichlich Platz, aber das war kein Trost. An jenem Sonntag im Sommer, an dem das Unheil hereinbrach, waren alle Straßen leer, und Onkel Fritz fuhr einen Ford Taunus. Der hatte im Gegensatz zu unserem Käfer ein Autoradio. Wir waren auf dem Weg zu Oma, es lief die zweite Minute, wir passierten gerade das Ortsschild, da geschah es: Foul von Uli Hoeneß, Elfmeter für Holland, Johann Neeskens schoss, und die größten Befürchtungen wurden übertroffen: Die spielen einfach besser als wir. Deutschland lag null zu eins hinten. Das Spiel hatte gerade erst angefangen und war schon verloren. Das Schlimmste aber war: Ich saß noch nicht mal vor dem Fernseher. Konnte mir kein genaues Bild von der Katastrophe machen, weil ich erst ein Jahr alt war. All das hier hatte man mir erst sehr viel später im Detail erzählt.

Um 16 Uhr begann an jenem 7. Juli 1974 in München das Finale der Weltmeisterschaft, das wollten wir bei Oma gucken. Aber entweder überschätzte Onkel Fritz seinen Fahrstil – er lästerte gern über seinen Bruder, also meinen Vater, der jetzt auf dem Beifahrersitz saß, weil der seinen VW spritsparend und langsam bewegte. Oder die beiden Männer waren der Meinung, am Anfang eines so wichtigen Spiels würden sich die Gegner erst einmal abtasten, und wir würden nichts verpassen.

Bei Oma stürmten wir die Treppe hoch. Ich wurde getragen. Sie hatte schon alles vorbereitet. Es gab Zitronensprudel und Würstchen. So wie immer, wenn wir bei ihr Fußball schauten. Der süße Sprudel schmeckte deshalb so gut, weil bei uns zuhause nie welcher auf den Tisch kam. Meine Mutter sagte, er sei ungesund. Noch vor dem zweiten Würstchen aber geschah das Wunder: Elfmeter für Deutschland. Paul Breitner traf. Dann gab Gerd Müller einen Schuss aus der Drehung ab. Er war so schwach, dass der Ball durch den Strafraum kullerte. Aber er landete im langen Eck – zwei zu eins. Und ohne Sepp Maier wären wir verloren gewesen. Seine magischen Hände katapultierten sich wieder und wieder in die Flugbahn. So ähnlich soll das die ganze zweite Halbzeit gegangen sein. Erzählte man mir später. Die Holländer konnten machen, was sie wollten – Maier flog und flog und flog, und alles wurde gut. Irgendwie witzig: Omas Fernseher war schwarzweiß. Deshalb erkannten wir erst Wochen später, dass der Retter einen babyblauen Pullover getragen hatte.

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