Die Blankeneser Lyrikerin und frühere Rechtsanwältin Amelie Fechner hat ihren dritten Gedichtband veröffentlicht

Jörg Marwedel, Blankenese

Amelie Fechner stammt aus einer Juristen- und Apotheker-Familie und wurde auch Juristin. Eine vermeintlich normale Familiengeschichte. Doch nun ist die in Oberhausen geborene Frau, die in Freiburg, Bordeaux und Hamburg studierte, keine Anwältin mehr. Sie ist jetzt Lyrikerin und die Autorin Karin Baron lobt die „feinsinnigen Sprachbilder“, in denen man „sich erkannt, getröstet, gestärkt wie nach einer Therapiestunde ohne Therapeuten“ fühle.

nie wieder sollst du dich verbiegen
entfalte dich, lern dich zu lieben
mit deinem ganzen Potential
denn dich gibt`s so ja nur einmal
Amelie Fechner in
„Die du bist. Alltagsgedichte“

Die dreifache Mutter hat gerade ihren dritten Alltagsgedicht-Band herausgegeben (siehe auch das Gedicht „Zwischentage“). Er heißt „Die du bist“, und ein Kernreim lautet: „nie wieder sollst du dich verbiegen/ entfalte dich, lern dich zu lieben/ mit deinem ganzen Potential/ denn dich gibt`s so ja nur einmal“. Das ist auch eine Selbsterkenntnis.
Wie Amelie Fechner, die inzwischen lange in Blankenese wohnt und oberhalb des Treppenviertels ein kleines Schreibbüro mit Elbblick hat, vor 19 Jahren umsattelte? Es hat einerseits mit einer Krankheit zu tun, die sie nach der zweiten Geburt ereilte. Eine Lungen- und Rippenfellentzündung, bei der es um Leben und Tod ging. Andererseits ging es später um einen Frauenabend in einer Schreibwerkstatt. Dort trug sie eigene Gedichte vor, begleitet von einem Akkordeon. Das Feedback war so groß, dass sie sich fortan mehr zutraute.

Anfangs druckte sie auf Postkarten. „Die Leser übernahmen die Akquise.“

Die Gedichte mit der größten Resonanz und jene, die ihr am besten gefielen, druckte sie bald auf Postkarten. „Die Leser übernahmen die Akquise“, sagt Amelie Fechner, die sich selbst nicht als gute Verkäuferin einstuft. Inzwischen sind 100 000 dieser Kartenidyllen verkauft, besonders in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Und ein bisschen Glück hatte sie auch: bei einer Lesung wurde sie „von Frau Ellert beobachtet“, wie sie erzählt. Da war der Weg frei zu ihrem ersten Band beim angesehenen Verlag „Ellert & Richter“.

Neben dem Dichten, für das sie manchmal viel Zeit braucht, gab es aber auch immer mehr Aufträge. Eine Frau, die als Coach arbeitet, wollte ihren Klienten manche Erkenntnisse in Versen nahebringen und beauftragte Amelie Fechner, für sie zu dichten. Sterben war auch ein Thema. Beim fünfjährigen Bestehen des Hospizes vom Israelitischen Krankenhaus trug die Schauspielerin Iris Berben Fechners Zeilen vor.

Die Zeiten mit Pandemie und Krieg sind „eine seelische Herausforderung“, sagt Amelie Fechner. Sie nahm etwa eine ukrainische Frau mit ihrem Sohn auf. Aber „die Krise ist ein guter Boden“ für das Leben und das Dichten, findet die Lyrikerin und zitiert Heribert Prantl, den studierten Juristen und Journalisten von der Süddeutschen Zeitung: „Hoffnung ist Pflicht.“ Am 21. März wird sie in der Buchhandlung Kortes zu Klängen der Gitarristin Hilke Billerbeck aus ihrem Buch vortragen.

Amelie Fechner: „Die du bist. Alltagsgedichte“,
80 Seiten, 12,95 Euro,
Verlag Ellert & Richter

 

Zwischentage

Wusstest du, dass
zwischen den Jahren
die Tage schon immer
besonders waren?
Es sind die Tage, die sich
gemächlich entrollen
es gibt kein Müssen
nur Dürfen und Wollen
wer es mag, legt sich schon
mit der Dämmerung hin
oder sitzt über Stunden
vor dem Kamin
an Zwischentagen
passiert gar nicht viel
wir essen, wir lesen
oder spielen ein Spiel
und niemand ist hier
der etwas erwartet
wir sind stiller als sonst
entspannt, auch ermattet
die Zeit nimmt sich Zeit
Stunden dehnen sich aus
wir gehen spazieren
oder bleiben zuhaus

Amelie Fechner aus
„Die du bist. Alltagsgedichte“

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