Kann weg: der alte Schlüssel. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Ich weiß, dass auch Sie mindestens einen dieser geheimnisvollen Plätze zuhause haben, einen Ort, wo sich wie von selbst die Dinge sammeln, die man im ersten Moment nicht zuordnen kann, aber als noch zu schade zum Wegwerfen erachtet. Bei uns gibt es mehrerer dieser Schälchen, Schubladen oder Körbchen. Und später, wenn diese voll sind und überlaufen, füllt man die Batterien, Knöpfe und Kugelschreiber oder das viele viele Klimpergeld in Schuhkartons und stellt diese auf den Dachboden, wo die anderen Schuhkartons mit den vielen anderen Dingen des Alltags warten – ja, worauf eigentlich?!

Letzte Woche gerade fand ich mal wieder einen dieser rätselhaften Schlüssel. Mmmmh, lange nicht gesehen, wo gehörte der wohl mal rein? Scheint eine Art Haustürschlüssel zu sein!? Ach ja, für die Kellertür meines Elternhauses, ich musste zunächst links am Haus vorbei. Meine Mutter hatte das Schloss dieser Tür irgendwann mal austauschen lassen. Es ist der Schlüssel, der im Rausch zwischen 14 und 19 einfach nicht passen wollte, endloses nächtliches Gestocher.

Also musste ich die Zeit erst einmal überbrücken und in den hinteren Garten kotzen, dann erst schien es irgendwie zu gehen – und die schwere Eisentür öffnete sich stets mit einem ohrenbetäubenden, jahrhundertealten Knarzen, als hielte ein fieses Schlossgespenst auf der anderen Seite den Griff fest. Ganz nebenbei: Nie schaffte ich es wegen des Quietschens, nur ansatzweise heimlich ins Haus zu kommen. Auch die Nachbarn – und meine Eltern sowieso – bekamen es jedes Mal mit, wann ich morgens von den Partys immerhin heimfand.

Im Winter taute das Erbrochene verräterische Inseln in den Schnee. In meinem Zimmer kotzte ich dann auf die Fliesen vor der Balkontür, kroch zum Badezimmer, um Handtücher zum Aufwischen zu holen, kotzte vor das Badezimmer, kroch ins Bad, kotzte vor die Toilette. Und ja, ich weiß, dass Sie das alles gar nicht wissen wollten, aber schließlich – was für ein Wortspiel! – halte ich gerade genau diesen einen Schlüssel in den Händen, der all diese Erinnerungen wieder aus irgendwelchen Tiefen hochgeholt hat. Der Schlüssel, der mir stets das Gefühl gab, immer mehr erwachsen zu werden und frei entscheiden zu können, wann ich nachhause komme. Der Schlüssel, den mein Vater mir mit den Worten „Verlier‘ ihn nicht“ in die Hand drückte. Der Schlüssel, den ich nie verlor, der nun aber auch nicht mehr passt, weil ich keine 16 oder 17 mehr bin und das Türschloss längst Geschichte ist. Kann also weg.

 

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