Um besser helfen zu können, wurden zwei neue Projekte gestartet. Foto: pr

140.000 Hamburger betroffen: Neustart im Kampf gegen Analphabetentum

Dirk Andresen, Hamburg-West

Die Zahlen sind schockierend. Wussten Sie, dass 6,2 Millionen Menschen in Deutschland gar nicht oder nur sehr eingeschränkt lesen und schreiben können? Jeder achte Mensch zwischen 18 und 64 Jahren! Auf Hamburg und die Bezirke heruntergebrochen bedeutet das: In der Hansestadt sind ungefähr 140.000 Einwohner betroffen, in den Bezirken Altona und Eimsbüttel jeweils rund 20.000, im Bezirk Harburg etwa 16.000. In digitalen Zeiten ein kaum zu begreifender Missstand, der für die Betroffenen in vielen Lebenssituationen ein schweres Handicap bedeutet.

20.000
Menschen im Bezirk
sind betroffen

Um ihnen endlich besser und effektiver helfen zu können – nicht nur beim Lesen und Schreiben, sondern allgemein in ihrer Grundbildung – wurden in Hamburg die Projekte „Neu Start Arbeit“ und „Neu Start St. Pauli“ installiert, die Verbesserungen und frischen Wind in das Hilfsangebot für die Menschen bringen sollen. Projektleiterin Christine Biskamp erklärt: „In unserer Gesellschaft läuft quasi nichts ohne Schriftverkehr. Diese Menschen müssen ständig mit ganz erheblichen Schwierigkeiten kämpfen. Das fängt beim Aufschreiben eines ganz normalen Einkaufszettels an, zieht sich durch viele Lebensbereiche wie alle Vertragsangelegenheiten, Korrespondenz mit Behörden und ist oft auch im Privaten sehr belastend.“

Aber warum sind überhaupt so viele Menschen hierzulande betroffen? Schließlich gibt es eine allgemeine Schulpflicht. Biskamp: „Sehr oft stecken von Problemen gezeichnete Schullaufbahnen dahinter. Diese Menschen rutschen schnell in ihren Klassen in die letzte Reihe durch, bekommen weniger Aufmerksamkeit, schämen sich immer öfter, trauen sich nicht mehr, aktiv am Unterricht teilzunehmen – ein Teufelskreis. Mangelnde oder gar keine Hilfe im Elternhaus ist ein weiterer Aspekt. Zudem gab es früher nicht annähernd solche Förderangebote wie heute.“

Drei Knackpunkte sind es, die deutliche Verbesserungen bringen sollen. Christine Biskamp: „Erstens: Wir müssen raus, dürfen nicht mehr warten, bis diese Leute zu uns in die Kurse kommen, sondern müssen mit unseren Angeboten in die sozialen Einrichtungen vor Ort – so wie wir das beispielweise beim Haus der Familie an der Schilleroper gemacht haben. Zweitens: Wir bieten so genannte ,Sensibilisierungs-Workshops‘ für Sachbearbeiter beispielsweise an Behörden an, die dafür sorgen sollen, dass fairer, einfühlsamer, empathischer mit den Betroffenen umgegangen wird. Und drittens wollen wir ein Intensivangebot installieren, wo beispielsweise vier Stunden pro Woche Deutschunterricht vorgesehen ist. Dazu soll digitales, finanzielles, gesundheitliches und Grundwissen aus anderen wichtigen Bereichen vermittelt werden.“

Eines ist Christine Biskamp ganz wichtig: „Wir dürfen diese Menschen nicht in eine Opferrolle oder eine bestimmte Ecke drängen, sondern müssen ihnen auf Augenhöhe helfen und begegnen. Viele von ihnen haben in diversen Bereichen eine hohe Kompetenz, leider aber auch wegen schlechter Erfahrungen mit ihrem Handicap oftmals starke Schamgefühle.“

 

Kontakt und Infos

Am Donnerstag, 24. November, findet im Ballsaal Süd des Millerntor-Stadions der Fachtag „Alphabetisierung und Grundbildung in Hamburg“ statt. Das Motto „Gemeinsam für mehr Teilhabe im Sozialraum.“ Anlass ist der 40. Geburtstag der Stiftung Berufliche Bildung (SBB). Der Fachtag-Gastgeber KOM gGmbH steht in Hamburg für „gemeinnützige Kompetenzentwicklung, unter anderem für Integrationskurse und Grundbildung“. Kontakte:
Tel. 32 04 21 12,
E-Mail: christine.biskamp@neustart-kom-bildung.de

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