Treibholz, das an einem Wehr hängen geblieben ist. Foto: Adrian Pingstone/wikimedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Holz, das haben wir alle ja längst gehört, ist teuer geworden. Sehr teuer. Und „teuer“ ist ja das Wort, das gerade „Corona“ abgelöst hat im alltäglichen Sprachgebrauch. Daher heute mal eine echte Holzgeschichte, die gar nichts kostet. Denn: Kein Strand ohne Treibholz. Auch der Elbstrand nicht.

Das kann von einer uralten Mooreiche oder einem Maulbeerbaum sein, aber auch eine verwitterte Schiffsplanke oder ein zentnerschwerer Dalben mit rostigen Schrauben, an dem früher die Schiffe festmachten. Oder Äste, die aussehen wie abgenagte Knochen. Aber auch ganze Bäume, irgendwo entwurzelt, die sich das Meer geholt und wieder an Land geworfen hat. Und die nun in märchenhaften Verrenkungen aus dem Boden ragen.

Meist ist die Rinde abgefallen. Von Wellen gerollt, vom Sand geschliffen, von der Sonne ausgeblichen. Mit vielen der hölzernen Fundstücke, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte im Meer oder im Fluss trieben, ließen sich auf Kunstauktionen Höchstpreise erzielen.

Es sind einmalige Objekte, deren Knorrigkeit keine Grenzen kennt. Jeder Millimeter scheint vergreist, als wäre das Wachsen eine unendliche Qual gewesen. Sie sind aufs expressivste geborsten, gebeugt und gewunden oder ineinander verschlungen. Schade, dass das Holz nicht sprechen kann. Es würde die abenteuerlichsten Geschichten erzählen.

Schatz kommt von schätzen. Und Menschen, die einen Strand leidenschaftlich nach Schwemmgut absuchen, erkennen einen Wert in scheinbar wertlosen Dingen, die das Wasser bringt. Sie lesen den Strand wie andere die Zeitung. Man muss nur genau hinschauen, dann lässt sich fast immer etwas Kostbares finden.

Andere sammeln das hölzerne Strandgut, um daraus Möbel zu schreinern. Oder sie verhökern es auf Flohmärkten oder bei E-Bay zu horrenden Preisen. Wer das unverschämt findet, muss selber los.

Doch wer nimmt sich schon die Zeit, stundenlang bei Wind und Wetter am Strand nach Treibholz zu suchen? Und wer hat den Blick dafür, wie ein meerwassernasses Stück trocken aussehen könnte, wie es seine Farbe verändern wird und was man daraus erschaffen könnte?

Bald beginnen die Herbststürme. Auch die Elbe wird wieder mehr Treibholzschätze an den Strand werfen. Warum laufen Sie also nicht einfach mal los …

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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