Irgendwie geht‘s immer weiter. Foto: Lück

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Ein Mann hat mir seine Geschichte erzählt. Viele Tage saßen wir zusammen, eigentlich Wochen. Viermal habe ich ihn besucht. So ein Leben erzählt man nicht einfach mal so. „Guten Tag, sag doch mal, was ist denn bei dir so in den letzten 65 Jahren passiert? Danke schön, auf Wiedersehen.“ Das würde nie funktionieren, so würde es nie eine gute Geschichte werden. Nimmt man sich Zeit, kann das helfen. Aber das ist ja mit allem so.

Die Geschichte des Mannes ist eine Geschichte vom Wieder-Aufstehen. Es geht um Schicksalsschläge, extreme Brüche im Leben, aber auch um Hoffnung und Zuversicht. Und irgendwie hat ja auch all das vieles mit unserer heutigen Zeit zu tun, wo die Dinge im Umbruch sind, wo viele den Glauben an die Zukunft verlieren oder sogar Ängste um ihr Leben haben.

Doch wieviel Leben passt in so ein Leben, ohne dass man verrückt wird? Das erzählt die Geschichte von Hans, der nicht leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Er hat zu viel erlebt. Auch wenn nicht alles gut gelaufen ist. Es ist sogar vieles sehr schlecht gelaufen. Drei vergebliche Fluchtversuche aus der DDR, dabei fast erschossen, 14 Monate Stasigefängnis, freigekauft vom Westen.

Mit seiner Familie um die Welt gesegelt, fast ertrunken und schon wieder fast erschossen. Einige Jahre lebten sie in der Südsee auf einer der Fidschi-Inseln, wurden aber ausgeraubt und gingen pleite. Dann als Strahlenschutzfachmann in Atomkraftwerken rund um die Welt. Heute ist Hans Musikschullehrer, Gitarre.

Leben ist die Summe der Erfahrungen, die ein Mensch macht. Und wenn einer erlebt hat, was Hans erlebt hat, dann lohnt es sich genau hinzuhören. Wenn er zum Beispiel davon erzählt, was ein Leben wirklich ausmacht. Es lohnt sich vor allem für jene, die sich schon einmal Zweifel erlaubt haben am Wert des eigenen Lebens, wenn es vielleicht mal unbequem oder aussichtslos erschien. Genau darüber weiß Hans gut Bescheid. Und er weiß auch, dass es eine große Befreiung sein kann, wenn man das Leben nicht als in Stein gemeißelte Strecke begreift, sondern in viele kurze Etappen einteilt. Wenige wissen das vermutlich besser als er, der schon so oft auf die Schnauze fiel und wieder bei null anfangen musste.

Und am Ende sei es ja genau dieser Augenblick, der alles ausmache, sagt Hans: „Dann, wenn man den Tod kommen hört und die Beine zu laufen beginnen. Immer schneller. Und dann geht es doch wieder irgendwie weiter und man ist wieder glücklich.“

 

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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