Die große Leere: Normalerweise werden Lebenmittelkisten im Lager der Tafel bis zu den Strichen an der Wand gestapelt. Nun ist das Lager oft gähnend leer. Foto: Kneip

Ansbert Kneip, Hamburg-Süd. An der Ausgabestelle der Tafel Harburg in der Buxtehuder Straße steht eine Schlange: Rentner, Mütter mit Kindern, Geflüchtete, Junge und Alte – wer arm ist und mit seinem Geld nicht auskommt, kann bei der Tafel ein oder zwei Kisten mit Lebensmitteln erhalten. Das kostet nur zwei Euro, und in den Kisten liegen Äpfel, Bananen, Brokkoli, Möhren, manchmal auch Milch und Joghurt. Sehr selten gibt es sogar Fleisch.
Gäbe es die Tafel nicht, dann wären diese Waren auf dem Müll gelandet – obwohl die meisten davon noch gut aussehen. Aber in den Supermärkten sind sie bereits aussortiert und werden nicht mehr verkauft. So sorgen die Tafel-Mitarbeiter für eine Art Gleichgewicht: Sie sammeln den Überfluss an Obst und Gemüse ein und verteilen ihn an Menschen, die sich fast gar nichts mehr leisten können.
Nun aber fühlen sich die Helfer selber ziemlich hilflos. „In der Krise kommen immer mehr Menschen zu uns“, sagt Sabine Pena, die Vorsitzende der Tafel Harburg. „Und gleichzeitig erhalten wir immer weniger Lebensmittel.“ Das Zusammenspiel aus Einsammeln und Verteilen funktioniert nicht mehr.
Die Folgen sind dramatisch. In der Schlange vor der Tafel steht ein Mann, vielleicht Mitte Vierzig, in der linken Hand hält er eine große Ikea-Einkaufstasche für die Lebensmittel bereit. Rechts trägt er ein DIN-A-4-Blatt in Klarsichtfolie, das ist die amtliche Bescheinigung, dass er bedürftig ist. Doch die wird ihm nicht mehr helfen.
Seit vergangener Woche hat die Tafel Harburg einen Aufnahmestopp. Wer noch nicht registriert ist, der wird keine Hilfe mehr erhalten. Die Ikea-Tasche des Mannes in der Schlange bleibt leer, er kann nicht mehr versorgt werden. Als er das hört, ist er nicht wütend, nur resigniert. Mit hängenden Schultern verlässt er das Gelände.
„Es geht einfach nicht mehr“, bedauert die Vorsitzende Pena: „Wir mussten die Notbremse ziehen.“ An einem normalen Tag vor der Coronakrise hatte die Tafel Harburg noch ungefähr 80 Kunden zu versorgen. Durch Corona stieg die Zahl auf mehr als 120. Jetzt kommen noch die Ukraine-Flüchtlinge dazu. Plus die Menschen, die wegen der Inflation mit dem Geld nicht mehr auskommen. 180 bis 200 Kunden sind es mittlerweile am Tag – also mehr als doppelt so viele wie vor zwei Jahren.
Um all diese Menschen zu versorgen, müssten also mehr Lebensmittel herangeschafft werden. Und die Helfer bei der Tafel müssten länger arbeiten. „Alle bei uns arbeiten ehrenamtlich“, sagt die Tafelvorsitzende Pena. „Wir können niemanden zu Überstunden verdonnern.“

Es geht einfach
nicht mehr. Wir
mussten die
Notbremse ziehen
Sabine Pena
Vorsitzende Tafel Harburg

Das Hauptproblem ist aber: Es gibt zu wenig Ware. In Supermärkten, bei Aldi, Lidl und Co, bleibt immer weniger übrig. Der Grund: Viele Supermärkte kaufen vorsichtiger ein, sie bestellen weniger Ware. Und: Heute kaufen die Kunden auch solche Dinge, die sie früher noch im Regal stehen gelassen hätten. Ein Joghurt, der kurz vor dem Verfallsdatum steht, wäre noch vor einem Jahr an die Tafel gegangen.
Heute setzt ihn der Filialleiter um 30 Prozent im Preis herab und bekommt die Ware problemlos verkauft. Bei einigen Supermärkten strömen die Kunden schon morgens um acht als ersten zu den Regalen mit den Sonderangeboten. Für die Tafel bleibt dann kaum noch was übrig.
Für die Harburger Politik ist der Aufnahmestopp ein weiteres Alarmzeichen für die Lage im Stadtteil. Anfang der Woche ließen sich die Abgeordneten des Sozialausschusses über die Schwierigkeiten bei der Tafel Harburg informieren. Erschreckende Erkenntnis: Die Wirtschaftkrise hat Harburg zwar schon erreicht, aber längst noch nicht mit ganzer Wucht. Und die Helfer von der Tafel sind schon jetzt am Ende ihrer Möglichkeiten.

>> Der Autor ist im Vorstand der Tafel Harburg. Wer ehrenamtlich einmal die Woche bei der Tafel helfen möchte, kann sich unter Telefon 77 11 08 97 melden

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