Kein Wandschmuck, sondern ein maritimes Vorzeigesymbol: ein Rettungsring. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Stellen Sie sich mal Folgendes vor: Sie stehen an Deck eines Schiffes. Schwere See. Starker Wellengang. Der glitschige Boden schwankt unter Ihren Füßen. Und plötzlich taumeln Sie und stolpern rückwärts. Sie greifen nach der Reling, verfehlen diese aber um wenige Zentimeter und gehen über Bord. Das eiskalte Meer trifft Sie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie gehen unter, schlucken Wasser, tauchen wieder auf. Sie husten. Sie strampeln mit den Beinen, rudern mit den Armen. Sie schreien. Doch niemand ist da, der Sie hören kann.

Dann aber passiert es: Neben Ihnen klatscht ein Rettungsring ins Wasser. Sie bekommen ihn zu fassen, gleiten hinein und werden ruhiger. Er hält Sie über Wasser und für diesen Moment am Leben. Kaum eine Notlage hat wohl eine erschreckendere Wirkung, als wenn ein Mensch über Bord geht. Seit Beginn der Seefahrt versuchen wir, Schiffe sicherer zu machen, doch das Meer scheint uns stets überlegen. Und ich wette, auch Sie haben schon häufiger mal davon gehört, dass an der Elbe regelmäßig Rettungsringe geklaut oder nur so zum Spaß ins Wasser geworfen werden. Das kann nur wer tun, der oder die noch nie im Wasser und dort in Not geraten ist.

So ein Rettungsring hängt in Schwimmbädern, an Flussufern und zur Dekoration in Wohnzimmern und Vorgärten. Er ist ein maritimes Vorzeigesymbol. Er gibt einem das Gefühl von Sicherheit. Und natürlich wissen wir auch alle, wer den Rettungsring erfunden hat: Tatsächlich werden wieder einmal dem Universalgenie Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) erste Überlegungen zugeschrieben, wie mit einem schwimmenden Reifen Leben zu retten sei.

In einem seiner Skizzenbücher finden sich Entwürfe für Taucheranzüge, für Bojenschuhe, mit denen man übers Wasser laufen sollte, und für einen Rettungsring. Dieser sollte aus Leder gefertigt werden und aufblasbar sein. Dazu schrieb da Vinci: „Wenn du dann ins Meer springen musst, so blase die Schöße deines Gewandes durch die Säume an der Brust auf, springe hinein und lasse dich von den Wellen treiben.“

Auf einer englischsprachigen Website, wohl nicht ganz richtig ins Deutsche verdolmetscht, heißt es übrigens: „Die britische Royal Life Saving Society betrachtet Rettungsringe ungeeignet für den Einsatz in Schwimmbädern, weil das Werfen in einen belebten Pool den Unfall verletzen könnte. An diesen Orten wurden Rettungsringe daher durch Torpedobohnen ausgetauscht.“ Rette sich, wer kann!

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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