Trauer um Uns Uwe. Auf der Nordtribüne im Volksparkstadion wehte gegen Rostock allein eine Uwe Seeler-Fahne. Foto: Claus Bergmann

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Jetzt, wo Uwe Seeler nicht mehr lebt, ist mir eingefallen, dass ich noch irgendwo ein Autogramm von ihm habe. Seit Tagen suche ich es. Auf dem Dachboden in den Schuhkartons zwischen den Liebesbriefen meiner Ex-Freundinnen. Im Keller in den Umzugskisten, die ich schon seit Jahrzehnten nicht geöffnet habe. In meinen alten Fußballordnern, wo ich Wochenende für Wochenende akribisch die Ergebnisse aller Bundesliga-Spiele der 80er Jahre per Hand eingetragen hatte. Doch die Autogrammkarte mit der Unterschrift von Seeler scheint seltsamerweise verschwunden zu sein. 30 Jahre und mehr war sie mir nicht wichtig gewesen. Doch warum ist sie es jetzt wieder?

Alles hatte damit angefangen, dass mir Uwe Seeler auf dem Herrenklo vor dem Training einen versauten Witz erzählte. Worum es dabei ging, bekomme ich heute nicht mehr zusammen.

Es war Anfang der Neunziger, der Humor war einiges derber. Und „Uns Uwe“ erzählte viele Witze. Jede Woche einen. Mindestens. Denn er war unser Pate, so eine Art Trainingsmaskottchen. „Moin, Jungs! Ich bin Uwe.“

Der DFB hatte mich eingeladen, jeden Montagnachmittag auf dem Gelände des HSV in Ochsenzoll mit den besten Spielern meines Jahrgangs zu kicken. Und mit Uwe Seeler. Aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen kamen 30 Talente zusammen, um den Sprung in die Nationalelf zu schaffen. Einige wurden später Profis.

Ich lauschte lieber Uwes Witzen. Ich war 17, Uwe Seeler Mitte 50 und genauso alt wie mein Vater. Und jedes Mal fühlte es sich ein bisschen so an, als würde Opa vom Krieg erzählen.
Aber hey, schließlich war es der Uwe Seeler, der da einen Kalauer nach dem anderen ausnahmsweise mal nicht rein-, sondern raushaute.

Alle wussten natürlich, wer dieser in die Jahre gekommene Mann mit dem durch und durch norddeutschen Sound war. Eine Legende, so groß wie Pelé oder Maradona. Ein Jahrhundertfußballer, der hochmütig hätte werden können, aber niemals hochmütig wurde, der so sprach, wie er immer sprach. Ein Herzensmensch, der vielen so viel gegeben hatte – nicht nur Autogramme.

Und genau deshalb stand Uwe ja mit uns aufm Platz: Ein wirklich Großer kann sich auch mal kleiner machen, ohne an Größe zu verlieren. Bescheidenheit als Treibstoff unserer Träume.

Irgendwann, nach einem Training, fragte ich ihn dann nach einem Autogramm. Und da verstand ich durch eine kleine Geste seine wahre Größe: Er lief schnell nachhause und holte 30 Stück. Für jeden von uns eines. Uwe war vermutlich der geduldigste Autogrammschreiber der Welt. Nie hatte er nur einen Wunsch nach seiner Unterschrift ausgeschlagen. Denke ich an Uwe Seeler, denke ich an seine Witze und an diesen Moment.

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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