Die Ausgrabungen vor St. Trinitatis. Foto: Jörg Marwedel

Von Jörg Marwedel. Stefanie von Berg, Altonas Bezirksamtsleiterin, war „bewegt“. Sie hat sich gleich zur Bürgermeisterin der alten preußischen Stadt befördert, als sie sah, was die Fachleute des Archäologiebüros „ArchON“ nahe der St. Trinitatis-Kirche bislang ausgegraben haben. Denn abseits der 1650 eingeweihten Kirche, die an der Kirchenstraße und der Königsstraße liegt, haben die Archäologen seit März Dinge zu Tage befördert, die an die Ausgrabungen von „Pompeji“ erinnern. So hat es Jan Bock gesagt, der wissenschaftliche Leiter des Projektes, der niemals mit so vielen Fundsachen gerechnet hatte.

Gegraben hat man wegen der Vorbereitung auf den neu geplanten Stadtteil, das St. Trinitatis-Quartier. Gefunden hat man ein Stück vom alten Zentrum Altonas an der Nordseite der St. Trinitatis-Kirche. Insbesondere Reste der Kibbelstraße und der Kibbeltwiete. Diese Straßen wurden 1950 zugeschüttet, nachdem 1943 die Luftangriffe der „Operation Gomorrha“ sie komplett zerstört hatten. Darüber wurde ein kleiner Park angelegt.

„Wie in Pompeji“

Freigelegt wurden Fundamente und Keller der etwa 1650 gebauten Häuser, das beweisen die dort benutzten Ziegelsteine. Anhand eines Adressbuches von 1836 konnten Gebäudereste mit den Berufen der dort ansässigen Handwerker in Verbindung gebracht werden. Etwa mit einem Tischlermeister, einem Schumachermeister oder einem Schneidermeister. Im alten Zentrum wohnten zu jener Zeit vor allem Handwerker was einen sozialen Niedergang bedeutete.
Faszinierend ist, was vor allem aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs übrig blieb, wenn auch oft verbogen oder verrostet: Nähmaschinen, Bügeleisen, eine Sammlung von Taschenuhren, Südseemuscheln, Geschirr, Besteck, Glasflaschen oder versengte Türgriffe.

1.000 Grad Hitze nach der Bombardierung

Viele Flaschen waren wie Keramik geschmolzen, was Ausgrabungsleiter Thorsten Schwarz mit den „1.000 Grad“ in Verbindung bringt, die nach der Bombardierung hier herrschten. Dagegen hat eine Flasche mit dem Aufdruck Holsten-Bier überlebt, was auf eine Kneipe in der Kibbelstraße hinweist. Ebenso ein Flakon mit der Aufschrift „Natürliche Kraftbrühe“.

Die Menschen damals mussten viel aushalten. Viele haben während des Bombenkrieges zunehmend im Keller gelebt. Das sei, so Schwarz, an improvisierten Kochstellen und Toiletten ebenso zu erkennen wie an eingebauten kleinen Zimmern im Untergeschoss. Auch der Friedhof neben der Kirche wurde freigeschaufelt. Die Reste der Verstorbenen sollen auf dem Friedhof Diebsteich bestattet werden.

Als „Schatz“ bezeichnete Stefanie von Berg das gefundene Sandsteinrelief mit dem Altonaer Wappen, das wohl an einem öffentlichen Gebäude angebracht gewesen war. In einem waren sich Berg, die Vertreter der Kirche und Professor Rainer-Maria Weiss, der Landesarchäologe und Direktor des Archäologischen Museums Hamburg, einig: Es werde nach Abschluss der Arbeiten, die sich wohl noch bis in den Winter hinziehen, Ausstellungen geben – im Altonaer Rathaus, der Kirche oder im Altonaer Museum. Auch Zeitzeugen werden noch gesucht.
Wie sagte Professor Weiss: Es gehe nicht nur um die Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern auch darum, „die Bürgerinnen und Bürger für einen sorgsamen Umgang mit diesem Erbe zu sensibilisieren“.

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