Der Neugrabener Geschichtsforscher Karl-Heinz „Heiner“ Schultz. Foto: pr

Heiner Schultz, Neugraben. Die Klagen junger Menschen, auf was sie in der Pandemie alles verzichten müssen, bewegt mich als fast 90-Jährigen sehr, da ich in diesen Zeiten, besonders durch den Krieg in der Ukraine, immer wieder auch an meine Kindheit im Zweiten Weltkrieg erinnert werde. Ich denke dann aber auch an die vielen anderen Menschen, die in der Zeit des Zweiten Weltkriegs noch viel mehr leiden mussten, wie zum Beispiel die lettischen Jugendlichen, die zur Zwangsarbeit in Neugraben waren.
Im Jahre 1910 gründete Carl Flemming die Kunstfeuerwerkerei, die sich auf dem Gelände zwischen der Bergheide und der Ringheide in Neugraben befand. Seit einigen Jahren stehen Wohnhäuser an diesem Ort. In der Feuerwerksfabrik wurde während des Zweiten Weltkriegs Leuchtmunition hergestellt. Dazu wurden neben der Stammbelegschaft ab Mai 1942 auch junge lettische Frauen und Männer zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Bei einem fernmündlichen Gespräch in den 80er Jahren erklärte die Seniorchefin Frau Flemming mir gegenüber, dass der Betrieb keine Zwangsarbeiter beschäftigt habe. Dem gegenüber stehen die Aussagen von zwei lettischen Frauen, die dort arbeiten mussten, von Neugrabener Bürgern und von Dokumenten im Staatsarchiv.
In ihrem ersten Brief aus dem Jahre 2004 schreibt Frau Natalija D.: „Wir wurden in 1942 verschleppt, man hat uns in Viehwaggons ein paar Tage gefahren. Auf dem Boden lag nur Heu. Wir waren müde, als wir in Hamburg angekommen sind“. Es war eine Gruppe von 32 Mädchen, die damals 14 oder 15 Jahre alt waren. Ob noch mehr Zwangsarbeiterinnen dort eingesetzt waren, war bisher nicht festzustellen. Es gibt aber Aussagen von Bürgern, dass dort auch männliche lettische Zwangsarbeiter eingesetzt waren, die ihre Unterkunft in der Altonaer Schutzhütte am Fischbeker Heideweg hatten.
Frau D. beschreibt ihren Alltag so: „Die Fabrik war nicht groß, es waren Kabinen, jede von uns hat eine bestimmte Arbeit gemacht. Die Arbeit war nicht schwer, aber sehr gesundheitsschädlich. Wir mussten die Hülsen von Leuchtraketen mit Schießpulver füllen. Das Pulver saß fest in der Kleidung, auf dem Gesicht, man hat es eingeatmet. Von der Kleidung konnte man es abschütteln, im Körper blieb es. Die ersten Tage haben wir in der eigenen Kleidung gearbeitet, dann haben wir Arbeitskleidung und Schuhe bekommen“. In ihrer Arbeitskleidung gingen die jungen Mädchen für alle sichtbar täglich vom Falkenbergsweg zur Fabrik und nach dem langen Arbeitstag zurück.
Inge R., die als junge Schülerin freiwillig in der Fabrik zum Kriegseinsatz war, damit Frauen, deren Männer Fronturlaub hatten, auch Urlaub machen konnten, berichtete: „Unser Vorarbeiter sagte uns, ihr dürft nicht mit den Frauen sprechen und auch nichts von eurem Frühstücksbrot abgeben. Wenn ihr aber nicht alles aufesst, könnt ihr das Brot ja irgendwo hinlegen, dann werden die Frauen es schon finden“.
Am 29. April 1945 sagte der Lagerkommandant des Falkenberglagers den Zwangsarbeiterinnen, dass er ihnen nichts mehr zu essen geben werde. Sicherlich hatte Flemming die Zahlungen eingestellt. Nach der Beendigung des Krieges am 3. Mai brachten englische Soldaten die Frauen in der Schule Neugraben unter und versorgten sie auch, bis sie im August 1945 wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten.

Heiner Schultz
Dem langjährigen Neugrabener SPD-Kommunalpolitiker und AWO-Chef ist es ein großes Anliegen, dass die Naziverbrechen nicht in Vergessenheit geraten. Karl-Heinz (Heiner) Schultz gründete den „Freundeskreis der KZ Gedenkstätte Neuengamme“ und gehörte zu den Initiatoren der „Initiative Gedenken in Harburg“. Für sein Engagement wurde er mit der Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes ausgezeichnet.

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