Geschockter Senior schaut auf seine Scheine

Linke kritisiert lange Wartezeiten bei Schuldnerberatung –
Sozialbehörde hält zusätzliche Berater aktuell für nicht nötig

René Dan, Hamburg

Viele Hamburger kommen mit ihrem Geld gerade so über die Runden. Normalerweise. Aber die Zeiten sind nicht normal. Erst die Corona-Pandemie, jetzt Putins Angriffskrieg. Ob bei Benzin, Heizung, Lebensmitteln – die Preise steigen rasant. In solchen Situationen können die Schulden einem schon mal über den Kopf wachsen. Um aus der Schuldenfalle herauszukommen, ist schnelle Hilfe nötig. Doch gerade hier scheint es zu haken.

Die Wilhelmsburger Bürgerschaftsabgeordnete Stephanie Rose fordert mehr Personal für die Schuldnerberatung. Foto: pr

„Das Angebot an Schuldnerberatungsstellen und ihr Personal müssen unbedingt ausgebaut werden“, fordert die Wilhelmsburger Bürgerschaftsabgeordnete Stephanie Rose (Linke). „Wir haben Wartezeiten von mehr als einem halben Jahr.“

Die zuständige Sozialbehörde sieht „zur Stunde“ keinen Bedarf für einen Kapazitätsausbau, so Stefanie Lambernd von der Pressestelle. Sie verweist auf ein Programm zu Stärkung der Schuldnerberatung von 2021 und eine Personalaufstockung von 20 Prozent. „Das reicht nicht“, kritisiert Parlamentarierin Rose.

Mit Blick auf die elf von der Stadt geförderten Schuldnerberatungsstellen (siehe Übersicht) unterscheidet Behördenmitarbeiterin Lambernd: „Die offene Kurz- und Notfallberatung kann jederzeit ohne Wartezeit und kostenfrei bei allen Beratungsstellen wahrgenommen werden.“ Wenn jedoch eine weiterführende Beratung notwendig ist, „muss mit einer Wartzeit gerechnet werden“. Diese lag im ersten Quartal dieses Jahres hamburgweit im Durchschnitt bei 122 Tagen – also bei vier Monaten.

Stephanie Lambernd zufolge stehen die Schuldnerberatungsstellen mit Ratsuchenden „regelmäßig in Kontakt“ während der Wartezeit: So helfen sie bei „dringenden Anliegen“ wie der Verhinderung von Stromsperren. Ziel des Senats sei es, die Wartezeit in allen Bezirken auf unter 100 Tage zu senken.

Ganz ohne Wartezeit kommt der Träger Schuldenhilfe Sofort aus, der in Neugraben arbeitet (siehe Infotext rechts). Ob Erstberatung oder weiterführende Beratung: „Wenn jemand heute anruft“, so Beraterin und Vize-Vorstand Daniela De Matteis, „dann hat er nächste Woche einen Termin.“ Woran liegt dies? „Das kann ich nicht genau sagen.“ Fest steht: „Wir haben noch freie Kapazitäten.“

 

Die Wilhelmsburger Bürgerschaftsabgeordnete Stephanie Rose fordert mehr Personal für die Schuldnerberatung. Foto: pr

Keine Schuldensorgen

Sechs Vollzeitstellen verteilt auf zehn Teammitglieder, hinzu kommen noch freie Mitarbeiter: Vielleicht liegt es an der personellen Ausstattung und der erst im Mai 2021 erfolgten Gründung, dass der Verein Schuldenhilfe Sofort keine Wartezeiten hat. „Das Ziel unserer Arbeit besteht darin“, so Daniela De Matteis, Beraterin und Vize-Vorstand des Vereins, „dass Ratsuchende keine Schuldensorgen mehr haben.“ Dies könne zum Beispiel durch einen Vergleich passieren, bei dem man Gläubigern eine Einmalzahlung oder Ratenzahlungen anbietet und der Schuldner von der restlichen Summe befreit wird. Kommt es zu keiner Einigung, ist eine Verbraucherinsolvenz möglich. Die Insolvenz bietet die Perspektive, dass sich der Schuldner von seinen Schulden eventuell ohne eine Rückzahlung an die Gläubiger befreit.
Was aber sollte man tun, wenn man kurzfristig Hilfe benötigt, da sich der Gerichtsvollzieher ankündigt? Daniela De Matteis: „Dann sollte man dringend zu uns kommen oder eine andere Schuldnerberatung aufsuchen.“

 

Bei niedrigem Einkommen kostenlos

Egal wo man wohnt: Hamburger können jede Schulnerberatungsstelle, die von der Stadt gefördert wird, aufsuchen. Dort können Empfänger von Hartz IV, von Grundsicherung und von einem Nettoeinkommen bis 1.433 Euro für Alleinstehende (bis 2.812 Euro bei zwei Erwachsenen und zwei Kindern) die Schuldnerberatung kostenlos nutzen.
Wer als Erwachsener bis zu 1.633 Euro (3.012 Euro bei zwei Erwachsenen und zwei Kindern) verdient, zahlt einen Eigenanteil von 180 Euro. Wessen Einkommen darüber liegt, muss die Beratungskosten selbst aufbringen. Allerdings zahlt die Sozialbehörde bis Ende des Jahres einen „Corona-Zuschuss“ von bis zu 200 Euro für eine Erstberatung.

 

Schuldnerberatung im Auftrag der Stadt

Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen aus dem Einzugsgebiet des Elbe Wochenblatts:

>> afg worknet GmbH
Neue Große Bergstraße 20
Tel. 20 94 75 60
>> afg worknet GmbH
Paul-Ehrlich-Straße 3
Tel. 8 55 04 66-77
>> AWO AQtivus
Amalienstraße 5
Tel. 540 90 49-30
>> Deutsches Rotes Kreuz
Behrmannplatz 3
Tel. 55 42 01 21
>> Diakonisches Werk
Königstraße 54
Tel. 30 62 03 85
>> Schuldenhilfe Sofort e.V.
Stremelkamp 13
Tel. 70 12 10 24
>> Verbraucherzentrale Hamburg
Kirchenallee 22
Tel. 24 83 20 oder 24 83 21 09

 

 

 

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