Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Gerade erst passiert auf einem Bönningstedter Autobahnrastplatz: Ein in einem Wohnmobil schlafendes Ehepaar wurde ausgeraubt und mit Reizgas angegriffen. So eine Erfahrung wünscht man niemanden. Glücklicherweise ist nichts Schlimmeres passiert.

Doch abgesehen davon, dass es nie eine gute Idee ist, an der Autobahn zu übernachten, hätte ein Blick in den Reiseführer Western Europe von Lonely Planet aus dem Jahr 1996 genügt, wo über Hamburg unter der Rubrik „Dangers“ („Gefahren“) schon damals geschrieben stand: „Hamburg is usually crowded, so there should be little danger so long as you keep moving, don’t take pictures or ask too many questions.“ Auf Deutsch: „Hamburg ist normalerweise überfüllt, sodass wenig Gefahr besteht, solange man in Bewegung ist. Machen Sie keine Fotos und stellen sie nicht zu viele Fragen.“ Was wir Insider natürlich immer gewusst haben: Wer in Hamburg zu viele Fragen stellt, bekommt Probleme.

Zurück zur Autobahn: Fahre ich über die Grenze und sehe die blauen Autobahnschilder, fühle ich mich sofort zuhause. Die deutsche Autobahn gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Denn ich weiß, was mich erwartet: Alle 50 Meter ein Leitpfosten. Alle fünf Kilometer ein Parkplatz. Die Sträucher und Bäumchen in der Mitte nennt man „Begleitgrün“. Und alle Autogeilen lieben Deutschland für seine endlosen Betonpisten ohne Mautgebühren. Es gibt PS-hungrige Touristen, die um die halbe Welt fliegen, um mit 220 Sachen auf der A7 ihren Urlaub zu verbringen.

Keine fünf Minuten zurück, fühle ich mich schon gar nicht mehr so sicher: Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, geht es nun wieder ums Überleben. Auto um Auto. Zahn um Zahn. Jeder gegen jeden. Wer wissen will, wie viel Humor wir Deutschen wirklich vertragen, braucht sich bei uns nur in ein Auto setzen. Und würden die Aggressionen, die hinter dem Steuer entstehen, als Treibstoff taugen: Deutsche Tanks wären immer voll.

Unter uns: In Europa gibt es nur zwei Länder, wo die Leute noch vernünftig Auto fahren – Italien und Norwegen. Italiener blinken grundsätzlich nicht und machen die Vorfahrt zu einer rein theoretischen Sache. Dafür haben sie die bewundernswerte Gabe, sich in diesem Chaos zu entspannen. Wir Deutschen können das nicht. Sobald hier irgendwo die Fahrbahnmarkierung fehlt, sind alle überfordert. Deutsche brauchen Regeln, an die sie sich halten wollen. Italiener brauchen Regeln, die sie brechen können.

Die Norweger sind anders: Kaum eine Nation hält sich so strikt an Geschwindigkeiten. Was natürlich an den grotesk hohen Bußgeldern liegt: Schon ein Stundenkilometer zu viel kostet 78 Euro. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich dort geblitzt worden bin. Sechs km/h zu schnell. Immerhin hatte ich die Wahl: 207 Euro oder drei Tage Gefängnis. Ich überlegte nur kurz. Seither bin ich zurückhaltend wie ein Norweger unterwegs, obwohl tief in mir der Italiener schlummert.

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