Lotto King Karl wird am Samstag, 25. Juni, ab 20 Uhr zum letzten Mal auf der Rieckhof-Bühne stehen. Tickets kosten im Vorverkauf 25, an der Abendkasse 28 Euro. Foto: tom jewutis

Olaf Zimmermann, Harburg. Nach 38 Jahren Jahren endet die Ära des Rieckhofs in Harburg. Zum Abschied tritt am Samstag, 25. Juni, noch einmal Lotto King Karl mit seinen Barmbek Dream Boys auf. Am Monatsende wird das Harburger Kulturzentrum besenrein übergeben.
Künftig soll sich die Stiftung Kulturpalast Billstedt um das „Bürger:innenhaus Harburg“ kümmern. So haben es Verwaltung und Rot-Grün in Harburg beschlossen. Das letzte Wort scheint allerdings noch nicht gesprochen zu sein, der bisherige Rieckhof-Trägerverein hat angekündigt, alle juristischen Mittel auszuschöpfen. Als fachkundiger Anwalt wurde Harald Muras, Harburgs langjähriger SPD-Kreisvorsitzender, verpflichtet.
Das Kulturzentrum im Herzen Harburgs, das stets als sozialdemokratisches Vorzeigeprojekt gegolten hat, kann eine eindrucksvolle Bilanz vorweisen: Seit 1984 kamen vier Millionen Besucher zu 6.800 Veranstaltungen, 30.000 Künstler standen auf der Bühne, in den sechs Gruppenräumen haben 36.000 Treffen stattgefunden. Weil die finanzielle Ausstattung über Jahre hinweg nicht angepasst wurde, waren kreative Lösungen gefragt: So wurden Gastronomie und Gebäudereinigung an die Elbe-Werkstätten übergeben – ein bundesweit beachteter Schritt, ein echter Gewinn für beide Seiten. Ob diese Zusammenarbeit künftig fortgesetzt wird, bleibt ungewiss.
Was konkret die hier ungewöhnlich schnell vorpreschende Verwaltung und Rot-Grün dem Rieckhof-Trägerverein „Freizeitzentrum Hamburg-Harburg“ vorwerfen, wo aus ihrer Sicht Handlungsbedarf besteht, war und bleibt unklar. Man sei zu diesem Vorgehen berechtigt, lautete die dürre Argumentation. Ein Vorgehen, das hamburgweit ohne Beispiel ist. Für Harburgs CDU-Fraktionschef Ralf-Dieter Fischer „ist es ein Skandal, den in Harburg gut etablierten Rieckhof auf diese Weise zu zerschlagen.“
Die beiden Fraktionsvorsitzenden Frank Richter (SPD) und Bianca Blomenkamp (Grüne) verteidigen die auch in der SPD umstrittene Entscheidung: „Die Stiftung Kulturpalast ist über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und sehr erfolgreich mit ihren Projekten zur Förderung der Jugend- und Altenhilfe, des Sports und der Förderung von Kunst und Kultur. Wir freuen uns, dass diese wertvollen Erfahrungen nun nach Harburg getragen werden.“

Interview mit Rieckhof-Geschäftsführer Jörn Hansen

Rieckhof-Geschäftsführer Jörn Hansen kündigt rechtliche Schritte an.Foto: kreller

Jörn Hansen ist seit Eröffnung 1984 Geschäftsführer des Rieckhofs. Im Wochenblatt-Interview nimmt er wie gewohnt kein Blatt vor den Mund.

EW: Am 30. Juni schließt der Rieckhof, das Harburger Kultur- und Veranstaltungszentrum, (erstmal?) seine Tore. Wird der Trägerverein den juristischen Weg beschreiten?
Hansen: Wir verfolgen mehrere juristische Ansätze, über die wir hier und heute aber keine näheren Auskünfte geben möchten, um den Verlauf nicht zu stören. Wenn wir uns damit durchsetzen, wird das ganz erhebliche Auswirkungen auf den weiteren Lauf der Dinge haben.

Wie geht es weiter? Diese Frage kann im Moment angesichts des riesigen Scherbenhaufens, der angerichtet wurde, niemand wirklich beantworten.

Werden Sie in Rente gehen oder dem geplanten „Kulturzentrum Harburg“ beratend zu Seite stehen? Das hängt vom Verlauf unserer juristischen Ansätze ab. Rechtsanwalt Harald Muras vertritt unseren Trägerverein „Freizeitzentrum Hamburg-Harburg e.V.“ gegenüber dem Bezirksamt und allen denkbaren anderen Ansprechpartnern. Rechtsanwalt Dr. Christoph Meyer-Bohl vertritt mich persönlich in allen Fragen des Arbeitsrechtes sowie des Urheberrechtes in Bezug auf die beim Deutschen Patentamt geschützte Wort/Bild-Marke „Kulturzentrum Rieckhof – Live im Herzen Harburgs“, deren alleiniger Rechteinhaber ich persönlich bin.
Dem im Kulturausschuss angekündigten skurillen Vorhaben des „Kultur Palast Hamburg“, das von Frau Dr. Jobmann (Leiterin Dezernat Soziales, Jugend, Gesundheit, d. Red.) ja schon im Vorwege auf den schönen Namen „Bürger*innen Haus Harburg“ getaufte Gebäude in Zukunft weiterhin „Rieckhof“ oder „Kulturpalast Rieckhof“ zu nennen, werde ich natürlich nicht zustimmen.

Stehen die drei Rieckhofmitarbeiter Jan Permien, Ulrike Niß und Silke Fiehn nach dem 30. Juni auf der Straße? Jan Permien ist seit drei Jahren Rentner. Er hatte noch weiter gearbeitet und wird am 30. Juni 2022 endgültig auf eigenen Wunsch ausscheiden. Welchen Weg Ulrike Niß und Silke Fiehn gehen wollen oder gehen können, ist vollkommen offen.

Welcher Bezirksamtsleiter war dem Rieckhof besonders zugetan? Frau Fredenhagen ist die neunte Bezirksamtsleitung, die ich persönlich seit dem Beginn meines Engagements für die Stadtteilkultur in Harburg im Jahr 1976 erlebe. Dem Rieckhof besonders zugetan war tatsächlich Torsten Meinberg von der CDU in den Jahren 2005 bis 2011. Er hat sich wirklich inhaltlich interessiert, hat den Rieckhof auch privat besucht und sich sehr für alle Belange eingesetzt.

Was war die aufregendste Rieckhof-Veranstaltung? Die aufregenste Rieckhof-Veranstaltung war mit Sicherheit der „Sklavenmarkt“ am 26.04.1986, eine Theaterinstallation der Kieler Truppe „Die Komödianten“ um Markus Dentler herum, der dann auch den Sklaventreiber gegeben hat. In zwei Tagen haben 2.000 Menschen den Rieckhof besucht … und viele haben das doch recht ernst genommen. Es wurden wirklich 20 (freiwillige) Sklaven sogar über Nacht verkauft. Auch eine undercover NDR-Journalistin. Ich war die rechte Hand des Sklaventreibers, habe die Sklaven vor und nach dem Verkauf gewogen, den Sklavenvertrag abgeschlossen und das Geld von den Sklavenhaltern eingetrieben. Diese Veranstaltung hat in der Presselandschaft auch bundesweit sehr starke Reaktionen hervorgerufen.

Ihr größter Fehler aus Rieckhof-Geschäftsführer? Mein größter Fehler war, nach 46 Jahren in der Stadtteilkultur in Harburg zu Beginn des von Frau Dr. Jobmann, Frau Fredenhagen, Frau Wichmann nebst SPD und den Grünen angestrengten Interessenbekundungsverfahrens noch zu glauben, dass eine sachliche Diskussion dieses Verfahren würde beenden können. Weder mit dem Bezirksamt Harburg noch mit der SPD oder den Grünen ist ein inhaltlicher Dialog möglich. Diee Zerschlagung des erfolgreichen und öffentlich nie kritisierten Rieckhofs ist in der Hamburger Geschichte einzigartig. Kein anderer Bezirk würde so vorgehen.
Mantraartig trägt Frau Dr. Jobmann vor, das „Kulturzentrum Rieckhof“ sei ein „Bürger*innenhaus Harburg“ und solle nun endlich zu einem Ort der Begegnung werden. Außerdem kündigt sie jetzt schon an, die Trägerschaft in fünf Jahren erneut ausschreiben zu wollen. Damit will sie, rechtzeitiger als aktuell, bereits 1,5 Jahre vorher beginnen. Nur zu. Auch alle anderen Träger dürfen erwarten, dass sie ein gleiches Schicksal ereilt … Es geht Frau Dr.Jobmann darum, auch die Kultur in Harburg zu beherrschen – dafür ist ihr jedes Mittel recht. Aber es ist nicht aller Tage Abend.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here