Bibliothekarin Heike Müller zeigt eine sogenannte „Inkunabel“ – der ursprünglichen Wortbedeutung nach ein Buch, das der „Wiege“ (lat. incunabula) des Buchdrucks entstammt, also vor 1500 gedruckt wurde. Foto: cvs

OTHMARSCHEN. Anhand des vergilbten dicken Wälzers mit dem Ledereinband demonstriert Bibliothekarin Heike Müller die Herkunft des Ausdrucks „ein Buch aufschlagen“: Ein wohl dosierter, kräftiger Schlag auf den Buchdeckel – und die metallenen Verschlüsse des über 500 Jahre alten Druckwerks öffnen sich wie von Geisterhand.
Vielleicht zehn bis 20 Ausgaben gebe es derzeit deutschlandweit von den „Sermones“ (Predigttexten) eines gewissen Pelbart von Temeswar, schätzt Müller. Wert? „Lässt sich schwer sagen“, meint sie. „Wegen der jeweils unterschiedlichen Illustrationen sieht jeder Band anders aus.“ Mit ihren rund 27.000 – zum Großteil historischen – Werken zählt die Bibliothek des Christianeums zu den bedeutendsten Schulsammlungen Deutschlands. Das wertvollste Buch ist eine handschriftliche Erstausgabe von Dantes „Göttlicher Komödie“ aus dem 14. Jahrhundert. Rund zwölf Millionen Euro müsste man dafür berappen – falls irgendjemand auf Idee käme, es zu verkaufen. Von dieser „Divina Commedia“ hat die Schule allerdings nur ein Faksimile im Bestand. Das Original lagert „irgendwo außerhalb“ – sicher verwahrt hinter Tresortüren.

Reisebericht: Die „Umbständliche und Eigentliche Beschreibung von Africa“ des niederländischen Geografen Olfert Dapper aus dem Jahr 1670. Über etliche aus heutiger Sicht rassistische Formulierungen muss man hinweglesen. Foto: cvs

Vor fünf Jahren hat das Christianeum seine neue Gymnasialbibliothek eingeweiht. Lehrer-, Schüler- und historische Bibliothek wurden zu einer einzigen, 400 Quadratmeter großen Sammlung. 1,2 Millionen Euro hat die Stadt in den Umbau gesteckt, rund 70 Schülerarbeitsplätze sind entstanden, knapp 30 davon am Rechner. Es gibt eine Chill- und Leseecke, außerdem Zeitungen und Zeitschriften, eine Lehrbuchsammlung – und auch ganz profane Unterhaltungslektüre wie etwa Harry Potter und Lucky Luke.
„Die Benutzung ist deutlich einfacher geworden als früher“, berichtet Müller, die alleine für die „Bibliotheca Christianei“ zuständig ist und in den Pausen Unterstützung von zwei Schülern bekommt. Klassen könnten beispielsweise Rechnerplätze buchen und den Unterricht hier abhalten. „Bücher sind keine Ausstellungsstücke, sondern sollen genutzt werden“, so Müller.
Aber will man noch ein Buch aufschlagen, wo doch jeder Jugendliche per Smartphone mit der Welt verbunden ist? Auf jeden Fall, glaubt Müller. „Es besteht tatsächlich eine Hemmschwelle, ins gedruckte Buch zu gucken“, hat sie festgestellt. Viele glaubten, im Netz gehe es schneller. Dies sei jedoch oft ein Trugschluss. „Sucht man beispielsweise im Internet nach dem Stichwort Joseph Haydn, bekommt man Millionen von Treffern. Dann heißt es erstmal Ergebnisse filtern. Im Buch hat man alles schön kompakt an einer Stelle. Man konzentriert sich auf das Wesentliche“, sagt sie.

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