Eine junge Zwergdommel. Foto: Wikimedia/Andreas Trepte

Eigentlich mag ich Vögel. Und trotzdem weiß ich nur sehr wenig über sie. Das ist mir neulich gerade wieder mal klar geworden. Genauso wie ich fast nichts über Bäume, Wolken oder Insekten weiß. Umso schöner ist es dann, wenn man jemanden trifft, der sich mit einer Sache ganz besonders gut auskennt und auch noch so darüber erzählen kann, ohne dass es zu wissenschaftlich oder gar langatmig wird. Und Patrick ist so einer.

Wer an Ornithologen denkt, hat eher kauzige, verschrobene und in ihrem Verhalten leicht verrutschte Typen vor Augen, die lieber alleine unterwegs sind und teils Wochen an einem Ort ausharren, um einen seltenen Vogel zu sehen und vielleicht sogar zu fotografieren. Für Außenstehende ist die große Begeisterung für die Schönheit eines Spatzenmännchens im Brautkleid mitunter ähnlich rätselhaft wie die selbstvergessene Konzentration, mit der sich Briefmarkensammler oder Modelleisenbahnbauer ihrem Hobby widmen. Oder Fußballfreunde, die sich damit rühmen, möglichst viele Spiele in weit abgelegenen Stadien besucht zu haben.

Patrick aber ist ein Meister der Verwandlung. Er versteht es, Vögel auf unterhaltsame Art nachzuahmen. Viele kennt er gut, er beobachtet sie bereits seit 15 Jahren und länger. Gerade ist er eine Zwergdommel, die mit sehr tiefen bellenden Lauten ihr Revier absteckt. Patrick klingt jetzt wie ein Hund. Er ist nun ganz in seinem Element. Seine Hände sind die Flügel, die er rhythmisch zum Gesang bewegt. „Die Zwergdommel ist die kleinste in Europa zu findende Reiherart und ist in Deutschland sehr selten geworden“, erklärt er, „ihr Gesang wird oft mit dem Gebell von Hunden verwechselt“.

Nun tauscht er für einen Moment die Rolle und wird zum Jungvogel, der in den ersten Wochen nach dem Schlüpfen noch nicht fliegen kann, im Schilf herumklettert und dabei seltsame Schreie von sich gibt. Und jetzt imitiert Patrick die Baby-Zwergdommel. Es hört sich an wie einer dieser schlimmen Radiowecker mit Digitalanzeige, die auf Nachttischen stehen und urplötzlich Alarm geben. Der Flugruf der Rohrdommel, sagt er, erinnere dagegen an das raue Bellen des Fuchses. «Krau», ruft er. Und dann macht er ein sehr tiefes und dumpfes «Uwuump», was das Männchen sein soll, das klarmacht, wer hier das Sagen hat.

Ende der eindrucksvollen Vorstellung. Wieder was gelernt, denke ich. 15 Minuten mit einem Mann gesprochen, den ich gar nicht kannte. Und: Ohren auf beim nächsten Spaziergang durch den Volkspark.

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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