Helfer der Hamburger Tafel sammeln überschüssige und qualitativ einwandfreie Lebensmittel ein, um sie bedürftigen Menschen zukommen zu lassen. Foto: pr

Interview: Julia Bauer von der Hamburger Tafel über die Arbeit der Hilfsorganisation in Zeiten von Inflation und Ukraine-Krieg

René Dan, Hamburg

Manchmal warten Bedürftige zwei oder drei Stunden bei der Hamburger Tafel und ihren Ausgabestellen darauf, zwei bis drei Tüten mit Lebensmitteln zu bekommen. Zu der bereits seit Langem immer wieder bestehenden Knappheit an Lebensmitteln sind Probleme wie eine hohe Inflation hinzugekommen. Welche Folgen ergeben sich daraus für die Hamburger Tafel? Antworten hierzu gibt Julia Bauer, Vorstandsmitglied und Pressesprecherin der Hamburger Tafel, in einem Interview mit dem Elbe Wochenblatt.

Inwiefern wirkt sich der Anstieg der Lebenshaltungskosten auf die Hamburger Tafel aus?
Der Preisanstieg hat große Auswirkungen. Schon vor der Preisexplosion gab es viele Menschen, die knapp bei Kasse waren. Jetzt gibt es noch mehr Betroffene, die am Ende des Monats nicht mehr zurechtkommen. Rentner, die zuvor auf die Tafel verzichtet hatten, können nicht noch mehr sparen und kommen jetzt zu uns.
Wie machen sich die Folgen des Ukraine-Kriegs bemerkbar?
Es wurden zu viele Menschen, die zu den Ausgabestellen der Tafel kamen, es war nicht zu schaffen. Wir standen vor dem Kollaps. Um diesen zu verhindern, habe wir die Unterstützung für Ukrainer in unserem Logistikzentrum zentralisiert.

Wenn jeder eine Kleinigkeit gibt, kann daraus etwas ganz Großes entstehen
Julia Bauer,
Hamburger Tafel

Julia Bauer unterstützt die Hamburger Tafel ehrenamtlich, unter anderem als Vorstandsmitglied und Pressesprecherin. Foto: Sabine Skiba/Hamburger Tafel

Derzeit kommen wöchentlich rund 350 Ukrainer, um eine Unterstützung zu bekommen. Dies passiert mittwochs zwischen 9 und 11 Uhr – manchmal müssen wir die Leute bereits nach einer Stunden zurückschicken, da wir keine Lebensmittel mehr haben. Wir mussten einen Aufnahmestopp verhängen und Wartelisten einführen. Jetzt sind wir nicht mehr ganz vor dem Kollaps – aber am Limit.
Was heißt das?
Als die Tafel vor 28 Jahren in Hamburg gegründet wurde, bestand das Konzept darin, dass es sich um eine Unterstützung für die Menschen handelt. Doch längst haben sich die Strukturen verändert: Die Tafelgänger sind auf die Lebensmittel angewiesen. Um aber der Nachfrage gerecht zu werden, bekommen wir nicht genug Lebensmittel.
Ist dies auch eine Folge des Ukraine-Kriegs?
Ja, zum Teil. Viele der Großspender schicken ihre Ware jetzt direkt in die Ukraine oder in angrenzende Länder wie Polen und Ungarn. Bei vielen Herstellern mangelt es auch schon an Verpackungsmaterial und Rohstoffen. Sie „müssen“ daher erst mal ihre Vertragspartner und Händler bedienen, da bleibt dann nichts mehr über, was gespendet werden kann. Ein weiteres Problem: Im Zuge der wirtschaftlich angespannten Situation ist die Spendenbereitschaft deutlich zurückgegangen.
Müssen Menschen hungrig zu Bett gehen?
Leider mussten schon vor den aktuellen Krisen Menschen Hunger leiden. Als ich einmal zur Weihnachtszeit einen neunjährigen Jungen fragte, was er sich zu Weihnachten wünscht, antwortete er: „Ich möchte immer, wenn ich hungrig bin, essen können.“
Was folgt für Sie aus solchen Lebenssituationen?
Ich bin keine Politikerin, die gesellschaftlichen Ursachen und Folgen von Armut muss die Politik bewältigen. Ich kann nur an die Gesellschaft appellieren, nicht spendenmüde zu werden: Neben Lebensmitteln kann man uns auch Geld spenden oder Fördermitglied werden. Wenn jeder eine Kleinigkeit gibt, kann daraus etwas ganz Großes entstehen.

 

Hamburger Tafel

Das Zentrallager der Hamburger Tafel, von wo aus die gespendeten Lebensmittel an Ausgabestellen und soziale Einrichtungen verteilt werden, liegt in Jenfeld. Foto: pr

Die Hamburger Tafel ist die Dachorganisation von 29 Ausgabestellen in Hamburg, die Bedürftige mit Lebensmitteln unterstützen. Die Tafel selbst hat sechs Hauptamtliche und 120 ehrenamtliche Mitarbeiter. Diese nehmen zum einen die Spenden überschüssiger und qualitativ einwandfreier Lebensmittel aus Handel und Herstellerbetrieben entgegen. Zum anderen verteilen sie die Spenden an die 29 Ausgabestellen sowie an 67 soziale Einrichtungen, die Lebensmittel weiterverarbeiten, zum Beispiel in Form von Mittagessen. Interessierte können der gemeinnützigen Organisation spenden, Fördermitglied werden oder selbst vor Ort helfen.
Kontakt: Tel. 300 60 56 00, Schimmelmannstraße 123, oder hamburger-tafel.de

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here