Brot ist eines der ältesten produzierten Nahrungsmittel der Welt. Foto: Wikimedia/Nikiwiki

Eine Geschichte, die im Kleingarten meiner Großeltern beginnt: Als kleiner Junge verbrachte ich viel Zeit dort. Immer nach der Schule. Wir ernteten Karotten, Spargel, Kohlrabi oder Sellerie. Immer dann, wenn die Tomaten reif waren und wir in das Gewächshaus gingen, roch es so frisch und intensiv, als hätte jemand Parfüm versprüht. Oder die Süße einer gerade gepflückten Erdbeere. Die Frische einer selbst aus der Erde gezogenen Karotte, nur mit etwas Wasser abgespült und gleich hineingebissen. Den Geschmack aus Kindheitstagen vergisst man nie mehr.

Mutti ist die Beste, Oma ist die Allergrößte. Und die Küche von damals schmeckt deshalb so gut, weil Geschichten und Erinnerungen sie zu etwas ganz Besonderem machen. Bilder und Emotionen kommen zurück, hervorgerufen durch den Duft und den Geschmack eines bestimmten Essens. Momente der Kindheit werden wieder lebendig, Gedanken an endlos lange Sommerferien, in denen an jedem Tag die Sonne schien, man mit einem Bärenhunger aus dem Freibad kam – und dann gab es Frikadellen mit Pommes!

Für viele ist die Küche der Kindheit eine Art kulinarisches Erbe der Eltern und Großeltern. Für fast jeden ist es die Suche nach Vertrautheit, Sicherheit und Durchschaubarkeit. Auch wenn die meisten dieser heimischen Rezepte gar nicht sonderlich extravagant oder schwierig sind, erzählen sie vor allem eines: Geschichten.

Und so gibt es Menschen, die sich Bratwürste um die halbe Welt schicken lassen, damit die Sehnsucht nach Zuhause nicht zu groß wird. Der vertraute Geschmack dieser Würste soll trösten. Andere haben für den Notfall heimische Brezeln in der Tiefkühltruhe. Manch einer beginnt zu weinen, wenn er in der Fremde ein Bier aus seiner Heimatstadt trinkt. Wussten Sie, dass das Heimweh zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch als schwere, nicht zu heilende und daher tödliche Krankheit galt?

Mit dem Essen ist es wie mit der Musik, auch an ganz bestimmte Lieder erinnert man sich sein Leben lang, zum Beispiel was man gehört hat, als man verliebt war. Und oft ist es etwas ganz Einfaches, das man vermisst. Der Gedanke an Mutters Braten oder Omas Schmalzgebäck aus der runden Dose auf dem Tisch in der Küche lösen ein wohliges Gefühl aus. Bei mir ist es selbstgebackenes Brot mit dick Butter. Und bei Ihnen?

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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