Yasmina Reza diskutierte vor dem fast ausverkaufte St. Pauli Theater. Foto: Power Axle/Wikimedia Commons

Yasmina Reza las im St. Pauli Theater aus ihrem neuen Roman „Serge“

Heiter, mit einem Lob für Hamburg – „eine schöne und geheimnisvolle Stadt“ – begann die Lesung von Star-Autorin Yasmina Reza („Kunst“, „Der Gott des Gemetzels“) im St. Pauli Theater – doch später folgte ein pessimistischer Blick auf die Welt. Dies lag auch am Thema von „Serge“, dem neuesten Buch der Französin, aus dem die Schriftstellerin kurz auf Französisch und der Schauspieler Peter Jordan zwei längere Passagen auf Deutsch vorlas: Ein wichtiger Erzählstrang des Romans ist ein Besuch der jüdischen Familie Popper, die Verwandte durch die Schoah verloren hat, in Auschwitz.

Die etwa 20-Jährige Joséphine hat ihren Vater Serge und dessen Geschwister Nana und Jean – alle um die 60 Jahre alt – dazu überredet, das frühere Vernichtungslager zu besuchen. Serge aber will – trotz aller Versuche Joséphines – nicht aus dem Auto steigen, um sich die sogenannte „Judenrampe“ anzusehen, an der über Leben und Tod entschieden wurde. „Er pfeift auf die Judenrampe“, sagte Jasmina Reza im Gespräch mit Moderator Jo Lendle, Verleger des Hanser Verlags, der auch aus dem Französischen übersetzte. Wissen über die Vernichtung der Juden zu besitzen sei wichtig, allerdings könne man ein Gedenken nicht „verordnen“, so die Autorin.

Reza, Tochter einer ungarisch-jüdischen Mutter und eines russisch-iranischen Vaters, verhehlte in dem vom Literaturhaus Hamburg organisierten Abend nicht die autobiografischen Züge ihres Buches. Ihre Eltern sprachen nicht über die Judenverfolgung, die Mutter sagte lediglich: „Die Vergangenheit ist vergangen.“ Diesen Standpunkt findet Yasmina Reza „recht gut“, wie sie zu Beginn der Lesung mitteilte. Sie und ihre beiden Geschwister fragten nicht nach – wie sich auch die älteren Poppers, insbesondere Jean, nicht für die Familiengeschichte und die des jüdischen Volkes interessieren, zu groß ist der innere Widerstand gegen das erlittene Unglück der Juden. Und so wird Joséphines Appell zur Judenrampe zu kommen, trotz ihres Verweises auf die Geschichte, vom Vater ignoriert: „Fünfhunderttausend Deportierte sind hier angekommen!“ „Mir egal.“ Solche lakonischen Dialoge ließen während der Lesung einen Teil des Publikums lachen, anderen blieb dieser Impuls vor dem realen historischen Hintergrund, den Reza in ihrem Roman auch schildert, im Halse stecken.

Yasmina Reza, Peter Jordan (l.) und Jo Lendle nach der Lesung im St. Pauli Theater. Foto: da

Angesichts der Schrecken des Ukraine-Krieges, den Moderator Lendle ansprach, zeigt sich Yasmina Reza pessimistisch: „Ich glaube, dass der Mensch keine besonders großen Fortschritte macht“, so die Autorin. Sie schreibe gegen die Illusion an, der Mensch sei gut. Die Französin kritisierte auch den „absurden Idealismus“ die ganze Welt aufnehmen zu wollen und dass Merkel eine so gute Flüchtlingspolitik gemacht habe. Solche Auffassungen, warnte Reza, haben in Frankreich dazu beigetragen, einen Rechtsradikalen Éric Zemmour hervorzubringen. Der Kandidat war zwar bei den französischen Präsidentschaftswahlen gescheitert, doch die anderen Parteien hätten Teile seines Programms aufgenommen.

Drei Menschen, darunter zwei Holocaust-Überlebenden, hat Reza ihr Buch gewidmet: dem Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und seiner Frau Magda sowie dem großväterlichen, jüdisch-russischen Freund Vladichka, gestorben mit 99 Jahren. Er, wie auch Imre Kertész, „war Vertreter einer verschwundenen Welt“.

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