Das Porträt von Walter Wächter am Klubhaus des FC Alsterbrüder. Auf der Balustrade stehen Vorstand Frank Vöhl-Hitscher (l.) und Torkel S Wächter. Foto: Jörg Marwedel

Jörg Marwedel, Eimsbüttel

Der FC Alsterbrüder, so erzählt es der Klubvorsitzende Frank Vöhl-Hitscher, wollte seinen Sportplatz an der Gustav-Falke-Straße nicht mehr mit dem nationalistischen, gewaltverherrlichenden Schriftsteller Falke in Verbindung gebracht haben. Deshalb suchte man nach einem Eimsbütteler Sportler, nach dem der Sportplatz benannt werden sollte. Man kam auf Walter Wächter, der einst beim HSV Fußball spielte und Leichtathletik trieb und 1938 als Jude erst nach Italien und dann nach Schweden flüchtete. Seit 2018 heißt der Sportplatz „Walter-Wächter-Platz“.

Inzwischen ist eine große Verbundenheit zu Wächters Sohn Torkel entstanden. Am Montag hat dieser im neuen Klubhaus vor etwa 30 faszinierten Zuhörern aus seinem 2021 erschienenen biografisch-dokumentarischen Roman „Meines Vaters Heimat“ vorgelesen. Torkel S (das S steht für den Nachnamen einer Großmutter: Sonnenberg) Wächter ist in Schweden geboren, war 13 Jahre lang Pilot der Scandinavian Airlines und hat dabei häufiger auch Hamburg angesteuert. Inzwischen ist er ein sehr anerkannter Schriftsteller in Schweden.

Der Vater spielte beim HSV, aus dem er 1936 austrat

„Deutsch ist eine schwierige Sprache“, sagt der 61-Jährige. Er hat sie erst gelernt, als er den Nachlass seines 1983 gestorbenen Vaters vom Dachboden holte – Bücher, Manuskripte, Briefe und Tagebücher. Das war 17 Jahre nach dessen Tod. Ohne des Deutschen mächtig zu sein, hätte er sich nicht mit der Geschichte auseinandersetzen können.

Walter Wächter, der in Schweden als Psychologe Karriere machte, hatte nicht nur den Namen Walter in Michael getauscht, er wollte – wie so viele Opfer und Täter – nicht reden über seine Vergangenheit am Eppendorfer Weg in einem Beamtenhaushalt. Als sein Sohn die Idee hat, Deutsch zu lernen, fragt er: „Warum willst du Deutsch lernen. Wozu?“ Und als ihn jemand bei einem Hamburg-Besuch ansprach, er rede ja perfekt Deutsch mit Hamburger Dialekt, erwidert er nur, er sei ein alter Schwede.

So begann Torkel über seine Hamburger Familie zu recherchieren. Eine schmerzhafte Suche. Er fand heraus, das sein sozialdemokratischer Vater 1936 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ und „Beteiligung am kommunistischen Widerstand“ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Aus dem HSV war er ausgetreten, weil dessen Präsident antisemitische Reden hielt. Seine Großeltern Minna und Gustav Wächter sind nach Riga deportiert und ermordet worden.

„Sie wollten meine Familie auslöschen“, sagt Torkel Wächter über die Nazis. Trotzdem hat er inzwischen neben der schwedischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Und seine vier Kinder waren alle auf einer deutschen Schule.

>> Torkel S Wächter liest am Freitag, 22. April, um 19 Uhr im Kleinen Michel, Michaelisstraße 5, zugunsten des Ledigenheims in der Neustadt. Anmeldung unter Tel. 29 81 38 88 oder per E-Mail an anmeldung@stiftungros.de

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