Die erste ukrainische Lehrerin Tetjana Yahodka (4. v. l.). Es gratulieren (v. l.): Sabine Bühler-Otten, Lesia Storchak, Thorsten Altenburg-Hack, Sven Kertelhein, Senator Ties Rabe und Holger Garbelmann. Foto: Peter Albrecht/BSB

Schulbehörde stellt Lehrer ein und eröffnet Vorbereitungsklassen – wenige Konflikte zwischen Nationalitäten – viel Solidarität mit Ukrainern

Gaby Pöpleu, Hamburg

Bislang 17.000 Geflüchtete aus der Ukraine haben sich in Hamburg registrieren lassen. Tatsächlich dürften es aber viel mehr sein. Vor einer Woche schätzte die Stadt diese Zahl auf 20.000 Menschen. Im Moment sinken die Zahlen der Neuankömmlinge auf rund zwei- bis dreihundert Menschen täglich.

Schätzungsweise 1.000 Kinder und Jugendliche besuchen inzwischen Hamburger Schulen, teilte Peter Albrecht von der Schulbehörde mit, weitere 458 haben sich schon angemeldet und starten demnächst. 208 Kinder sind in die Regelklassen aufgenommen worden, wo sie das übliche Pensum lernen, 163 besuchen zunächst bis zu ein Jahr eine der 225 bestehenden oder der 68 neuen internationalen Vorbereitungsklassen, um ausreichend Deutsch zu lernen. 42 weitere Vorbereitungsklassen starten in den nächsten Tagen. Die Schulbehörde geht davon aus, dass sich über kurz oder lang etwa 4.000 schulpflichtige ukrainische Kinder in Hamburg aufhalten werden. Deshalb sollen zusätzlich bis zu 300 Vorbereitungsklassen eingerichtet werden.

Die erste ukrainische Lehrerin Tetjana Yahodka hat die Arbeit aufgenommen, mit etwa 30 ukrainischen Deutschlehrern steht die Schulbehörde in Verhandlungen. Sie könnten befristet eingestellt werden, um die Vorbereitungsklassen zu unterrichten. Aber die ukrainischen Kinder sollen – eventuell von ukrainischen Lehrern – auch Unterricht „in Anlehnung an den Lehrstoff aus der Ukraine“ in ihrer Muttersprache bekommen.
Ein Problem: Viele ukrainische Kinder sind nicht gegen Masern geimpft, wie es in Hamburg vorgeschrieben ist. Können sie trotzdem zur Schule gehen? „Das Recht auf Beschulung geht zunächst vor“, sagt Luisa Wellhausen von der Schulbehörde. Zumindest bis zum Sommer sollen keine Kinder deswegen ausgeschlossen werden.

Unterdessen kritisiert die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Birgit Stöver die Maßnahmen der Schulbehörde: Man habe kein Konzept und habe sich nicht genug mit dem ukrainischen Generalkonsulat abgestimmt. Ihre Fraktion fordert unter anderem „ukrainischen Distanzunterricht“ durch „ukrainische Bildungsbehörden“. Die Schulbehörde müsse die Rahmenbedingungen schaffen.

Stöver hat in Schulen auch „häufig“ eine „ablehnende Haltung“ gegenüber jungen russischstämmigen Hamburgern wahrgenommen, die nichts für den Angriffskrieg Putins könnten. Die Schulbehörde hat allerdings keine „herkunftsspezifischen Daten“ im Zusammenhang mit Konflikten, so Wellhausen.

Konflikte unter Erwachsenen gibt es aber offenbar schon: Bis Mitte März waren „im Zusammenhang mit dem Ukraine-Russland-Krieg“ neun Ermittlungsverfahren beim Staatsschutz des Landeskriminalamts eröffnet worden, teilte Thilo Marxen von der Polizei mit: eine Beleidigung, drei Sachbeschädigungen, vier Bedrohungen und eine Körperverletzung. Am vergangenen Sonnabend ging außerdem ein betrunkener Russe (46) auf den Geistlichen der ukrainischen Kirchengemeinde in Fischbek los, demolierte ein Blumenbeet und einen Zaun.

Anders als Lehrer werden Ukrainer aus anderen Berufen warscheinlich nicht so schnell einen Job in Deutschland finden. Grundsätzlich bestünden gute Chancen in der Gastronomie und der Pflege, meint Sönke Fock, Chef der Agentur für Arbeit. Denn diese Branchen suchen händeringend Mitarbeiter, die mit übersichtlicher Bezahlung und schwierigen Arbeitszeiten klarkommen. Aber die Menschen hätten derzeit nach ihrer Flucht noch andere Probleme, dämpfte Fock die Hoffnungen von Restaurants, Hotels, Pflegediensten und Altenheimen.

 

So helfen Hamburger Betriebe, Schüler, Ehrenamtliche

Mitglieder der Rettungshundestaffel beladen LKWs und Transporter für ihren zweiten Hilfskonvoi. Foto: PÖP

Die Hilfsbereitschaft in Hamburg ist ungebrochen: Der HVV hat seine Aktion bis zum 30. April verlängert: Ukrainer mit gültigem Pass oder anderem Personaldokument können Busse, Bahnen und Fähren kostenlos nutzen. Mitfahrende Kinder brauchen keinen Ausweis.
Die Schüler der Grundschule an der Schenefelder Landstraße in Iserbrook sammelten Lebensmittel und Einkaufsgutscheine für Geflüchtete, die hier zwar schon ein Dach über dem Kopf, aber noch kein Geld haben, um Lebensmittel einzukaufen. Schon in den ersten drei Tagen kamen rund 15 gefüllte Umzugskartons zusammen.

Am Donnerstag startete außerdem der zweite Hilfskonvoi der Hundestaffel Hamburg und Harburg in Richtung ukrainisch-ungarischer Grenze nach Nyíregyháza. Im Gepäck: rund zehn Tonnen Lebensmittel, Hygieneartikel, medizinische Hilfsmittel und Geräte, die Hamburger vor Supermärkten in den vergangenen Wochen gespendet haben. Die Hilfsgüter werden dort an Flüchtlinge an der Grenze und ukrainische Krankenhäuser verteilt. Auf der Rückfahrt nehmen die ehrenamtlichen Helfer Flüchtlinge von der Grenze mit, die auch alle schon Unterkünfte gefunden haben.

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