Zwischen den Zügen: Kurze Rauchpause, um das Bordbistro zu verlassen. Foto: Wikipedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Wie Sie vielleicht schon wissen, belausche ich gerne Menschen. Und gerade im Zug lässt es sich ja meistens schlecht weghören, wenn Leute meinen, laut telefonieren zu müssen, was natürlich alles extrem wichtige Geschäftsgespräche sind, in denen es um Meetings, Calls und Break-Even-Points geht. Oder wenn sich Reisende im Speisewagen am Nachbartisch ohrenbetäubend unterhalten und die Lautstärke mit zunehmendem Alkoholgenuss anschwillt. Aus Erfahrung würde ich schätzen, dass sich pro Bier der Stimmpegel um den Faktor zwei vervielfacht. So hört es sich zumindest an. Die Augen kann man ja schließen, die Ohren leider nicht.

So auch neulich nicht, im eigentlich so wunderbaren Tschechien-Express vom Hamburger Hauptbahnhof nach Prag: Sie: Bier. Er: Pepsi. Beide: Laut. Sehr laut. Und: Dauerquatscher. Und Raucher auch. Das verraten ihre qualmgegerbten Stimmen. Sie reden und reden und reden. Meist über andere. Wie „scheiße“ oder wie „krass“ der oder die doch sei. Die Geschichte von Fritz und seinem Krebs hat es den Beiden besonders angetan und wird von nun an alle fünf Minuten eine Stunde lang immer und immer wiederholt. Witziger wird sie nicht. Dabei lachen beide die ganze Zeit und immer lauter. Sie hustet. Sie küssen sich. Sie: Bier. Er: Sekt. Dann reden sie wieder über den Krebs der anderen.

Inzwischen rollt ihr Rollkoffer durch den Speisewagen. Sie merkt es gar nicht. Der Kellner kommt: „Eier für die Dame. Guten Appetit!“

Zwischenstopp in Ludwigslust: Beide springen auf, fingern Zigaretten aus den Schachteln. Sie: Marlboro. Er: Camel ohne. Die Feuerzeuge griffbereit stürzen sie raus. Einen Fuß in der Tür, einen auf dem Bahnsteig werden zwei, drei, vier hastige – Achtung Wortspiel! – Züge genommen und die Kippen auf dem Bahnsteig entsorgt. Blauer Dunst erfüllt das Bordbistro. Sie kommen wieder rein. Sie: Bier. Er: Sekt. Dann wird weitergequatscht. Bis zur Besinnungslosigkeit. Fritz und der Krebs. Könnte man mit den Ohren sehen, wäre man längst blind.

Irgendwie witzig: Beim Aussteigen in Berlin beschwert er sich ernsthaft, dass sie beim Telefonieren am Morgen immer so laut spricht.

 

 

Foto: pr

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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