Natalie mit Tochter, Viktoria, Ludmilla mit Kind, Soja mit Sohn. Foto: JÖM

Von Jörg Marwedel

OSDORF. Auf dem Gelände des THCC Rot-Gelb am Hemmingstedter Weg hängen die Flaggen der Ukraine, Deutschlands, der europäischen Union und des Klubs, in dem man Tennis, Hockey und Cricket spielen kann. Das ist das äußere Zeichen der Solidarität mit dem vom Krieg gebeutelten Land. Die wirkliche Solidarität ist dagegen im Vereinsheim zu erleben. 38 Menschen leben jetzt erstmal hier. Abgeholt mit zwei Bussen von der polnisch-ukrainischen Grenze: 20 Mütter, 18 Kinder, zwei Hunde und eine Katze.

Die Kühlschränke wurden auf Deutsch und Ukrainisch beschriftet. Foto: JÖM

 

Angestoßen haben das Rot-Gelb und der HSV Handball. Denn Jan Hennings, Freund des Rot-Gelb-Präsidenten Phillip Blochmann und früher mal in der Marketingabteilung des HSV tätig, nutzte die alten Kontakte. Er rief Nationaltorwart Jogi Bitter und den Mannschaftsbusfahrer Mirko Großer an. Schnell spendete das Team fast 10.000 Euro, Großer verzichtete auf den Lohn, und schon startete der Teambus und ein gemietetes Fahrzeug in Richtung Osten. Nach mehreren Tagen kamen sie nachts gegen 4 Uhr wieder an, begrüßt von einem Empfangskomitee mit Präsident Blochmann und einem hier lebenden Ukrainer, der als Dolmetscher fungierte.
Inzwischen ist fast ein bisschen Alltag eingekehrt. Zwei der Geflüchteten, die Blochmann lieber „Gäste“ nennt, sind Köchinnen. Sie bereiten die Mahlzeiten zu, im Topf dampft gerade eine Kohlsuppe. Auch das Saubermachen ist aufgeteilt und jeden Tag gibt es eine Stunde Deutschunterricht mit zwei Pädagoginnen von der benachbarten Internationalen Schule und einer pensionierten Lehrerin. Als erstes lernen die Gäste das deutsche Alphabet.

An alles gedacht: eine Kuschelige Ecke zum Spielen für die Kinder. Foto: JÖM

Möglich gemacht hat das, so Blochmann, eine „Community“ aus Vereinsmitgliedern Nachbarn, Freunden, darunter Ärzte, Handwerker, Lebensmittelhändler und die Internationale Schule, alle verbunden in einer Whatsapp-Gruppe. Das sei schon jetzt ein „unvergessliches Erlebnis“, sagt Jan Hennings, der sonst eine Versicherungsagentur betreibt. Er habe „nicht für möglich gehalten, dass Deutschland diesen Zusammenhalt zeigt.“
Es ist in kurzer Zeit so etwas wie Freundschaft zwischen den Gastgebern und den Gästen entstanden. Man unterstützt die Ankömmlinge auch bei der Registierung und stellt für die Kinder den Kontakt zu den Schulen her. Eine Ottenser Schule will sie demnächst aufnehmen. Und ein interner Umzug steht vielleicht auch demnächst an. Man will das alte Klubhaus an der Straße Püttkuhl nahe dem EEZ für die Gäste mit Hilfe der Stadt herrichten. Auch einige Jobs sind schon in Aussicht gestellt.
Gerade ruft eine Freundin der Ukrainierin Ludmilla an, die ebenfalls flüchten will. Jan Hennings spricht mit ihr auf Englisch am Handy und sagt, sie seien alle Helden. Präsident Blochmann bekommt derweil eine Mail, in der sich der Vater eines Sportlers bedankt. Er sei sehr stolz, dass sein Sohn in diesem menschlichen Klub Mitglied sei. Auch die Frauen aus der Ukraine zeigen ihre Dankbarkeit. Das erstes deutsche Wort, das sie sich beim Sprachunterricht eingeprägt hätten, sei „Dankeschön“, sagen mehrere.
Der THCC Rot-Gelb freut sich über Spenden. Infos auf

http://www.thccrg.de

Das erzählen ukrainische Frauen

Sie heißen Soja, Natalie, Lesja, Viktoria und Ludmilla und haben trotz der freundlichen Aufnahme bei Rot-Gelb nur einen Wunsch: so schnell wie möglich wieder in eine friedliche Ukraine zurückzukehren. Denn sie haben ihre Männer zurückgelassen, die gegen die Russen im Krieg kämpfen. Das Trauma ist noch ganz frisch, die Angst alltäglich. Natalie erzählt: „Es war früh morgens, als der Krieg bei uns begann. Wir konnten das nicht glauben.“ Für die Frauen stand fest: Wir müssen vor den Bomben fliehen.
Der Bruder von Viktoria ist schon ein Kriegsopfer. Er ist an einem Bombensplitter gestorben, hat sie bei Sat.1 erzählt. Die Mutter und sie selber „konnten nicht weinen“, so geschockt waren sie. Und Soja ist mit ihrer Mutter nach Hamburg gekommen. Die hätte es wegen gesundheitlicher Probleme gar nicht in einem Luftschutzbunker ausgehalten. Bis Mitte der Woche hatten die Osdorfer Gäste in ihrem ukrainischen Umfeld aber keine weiteren Opfer zu beklagen.
Viele der Frauen sind überdurchschnittlich gebildet. Zwei sind Medinzinstudentinnen, eine ist Bankkauffrau, eine Architektin. Täglich telefonieren sie mit Familie und Freunden in der Heimat in der Hoffnung auf bessere Zeiten. „Die Hoffnung“, sagt Viktoria, „lassen wir uns nicht nehmen.

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