Pastor Euker und die Zeitzeugen Monika Quast und Peter Quast stehen hinter einer Vielzahl eingesandter „Kreidestrichfotos“. Foto: wit

Wolfgang Wittenburg, Süderelbe. Am 16. Februar 1962 brachen die Deiche. Bei der schweren Sturmflut fanden allein in Hamburg 315 Menschen den Tod. An vielen Orten wurde in den letzten Tagen an die Ereignisse vor 60 Jahren erinnert und der Opfer gedacht. Eine ungewöhnliche Form der Erinnerung gab es in Neuenfelde: Kreidestrichfotos.
Die Idee für diese Bürger-Aktion hatte Claus-Carsten Quast, Inhaber der Drogerie im Arp-Schnitger-Stieg. Um die Umsetzung kümmerte sich Pastor und Mit-Organisator Ralf Euker, der die Neuenfelder zum Anfertigen von Kreidestrichfotos anspornte.
Bewohner mussten herausfinden, wie hoch das Wasser im Februar 1962 an ihrem Haus gestanden hat oder, falls es sich um ein neues Gebäude handelt, gestanden hätte. Die entsprechende Stelle auf der Hauswand sollte mit einem Kreidestrich und der Zahl 1962 gekennzeichnet und dann das ganze Ensemble „Haus, Kreidestrich, Zahl und Bewohner“ auf einem Foto festgehalten werden.
„Wir waren von der positiven Resonanz sehr beeindruckt, denn uns haben binnen kürzester Zeit rund 40 Kreidestrichfotos erreicht“, sagt Ralf Euker, seit drei Jahren in Neuenfelde im Amt und seit 1. Februar auch für die Kirchengemeinde Moorburg zuständig, nicht ohne Stolz.
Einen Monat lang wurden die „Kreidestrichfotos“ in der Kirche ausgestellt, sie hingen an einer Seitenwand wie an einer Wäscheleine.
Was passiert jetzt mit den Bildern? Pastor Euker: „Es soll ein Plakat mit allen ,Kreidestrichfotos‘ entstehen, und das wollen wir in einer Auflage von 200 Stück drucken lassen.“
Wer mindestens ein Foto eingereicht hat, bekomme ein Plakat gratis, ansonsten könne man es für maximal fünf Euro in der Drogerie und im Kirchenbüro erhalten. „Ich wünsche mir, dass das Plakat zum Gegenstand der Einrichtung vieler Haushalte in Süderelbe wird und damit das Gedenken bleibt.“

Fragen an zwei Zeitzeugen

So erinnern sich Monika Quast (71) und Peter Quast (73, 1. Vorstand Heimatverein „900 Jahre Neuenfelde“) – beide sind weder verwandt, noch verschwägert – an die Sturmflut 1962. Sie war damals auf Finkenwerder, er in Neuenfelde.

Wie haben Sie den Tag der Sturmflut erlebt? Monika Quast: „Ich war zehn Tage zuvor elf Jahre alt geworden, hatte meinen achtjährigen Bruder und meine sechsjährige Schwester zu beruhigen. Wir wohnten relativ sicher im ersten Stock, aber meine Eltern waren nicht daheim, weil sie bei einer benachbarten Bäckerei mitgeholfen hatten, alle Geräte hoch zu lagern.“
Peter Quast: „Ich war 13 Jahre alt und meine einzige Schwester ein Jahr jünger. Unsere Eltern waren bei einem Bauern in der Nachbarschaft eingeladen, aber mein Vater hatte eine Vorahnung. Ich höre ihn noch sagen: ,Heute passiert noch etwas! Das geht nicht gut!‘ Unser Haus war trocken, das Wasser stand exakt bis zu den Fußbodenbrettern, aber im tiefer gelegenen Hinterhaus sind 200 Hühner ertrunken. Wir haben uns per Taxi und über Umwege zu meiner Tante nach Vahrendorf retten können. Nach einer Woche dort ging es für vier Wochen auf Kinderlandverschickung bei Koblenz – danach war für mich die Welt wieder so ziemlich in Ordnung und die Schule hatte auch wieder begonnen.“

Wie war der Tag danach? Monika Quast: „Alle Häuser rundum standen unter Wasser. Das war für mich ein schreckliches Bild. Ich bin dann mit meiner Freundin durch den Ort gegangen, überall lag totes Vieh, viele Wasserleitungen waren beschädigt – aber für uns Kinder war es mehr abenteuerlich.“
Peter Quast: „Meine Tante hatte kein Telefon, wir waren in Sorge um unseren Vater und informierten uns übers Radio. Groß war dann die Erleichterung, als ein Telegramm meines Vaters kam: ,Deichbrüche überall. Alles voller Wasser. Wir leben.‘“

Was bleibt bis heute? Monika Quast: „Das Heulen der Sirenen in der Nacht und das Läuten der Kirchenglocken waren für mich sehr unheimlich. Seitdem verbinde ich Sirenenheulen und heftiges Glockengeläute damit, dass etwas Schlimmes passiert ist und die Menschen gewarnt werden müssen.“
Peter Quast:„Ich habe heute immer zwei Tiden-Kalender griffbereit und ich informiere mich täglich über die Wasserstände.“

Was haben Sie mitgenommen? Beide sagen: „Ich möchte nicht nur an die Sturmflut erinnern und darüber erzählen, sondern vor allem auch jungen Leuten die Gefahren des Wassers vermitteln. Und ganz wichtig: Niemals dürfen Deich- und Flutschutz vernachlässigt werden!“

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here