Dauerwerbesendungen sollen zum Kaufen animieren. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

„Polizei erwischt Ladendiebe mit 27 Dosen Hautcreme.“ Was für eine Meldung! In einem Halstenbeker Drogeriemarkt waren vier Männer allem Anschein nach in einen regelrechten Klaurausch verfallen. Die Pflege trockener Haut ist wichtig, ich weiß, erst recht für Langfinger, erst recht im Winter. Aber was ist das bitte für eine Vorstellung!? Männer decken sich mit Pflegeprodukten ein, stopfen sich so viel Creme in die Taschen, wie sie nur tragen können. Mehr, immer mehr, wir brauchen noch mehr Hautcreme!

Ich las die Zeilen und erinnerte mich, wie ich neulich Nacht bei einem dieser Homeshopping-Sender hängen geblieben war. Einem jener Kanäle, auf denen sterile, bis zur Makellosigkeit gestylte Moderatoren es schaffen, pausenlos zu lächeln und gleichzeitig zu reden. Künstlich glückliche Menschen priesen Produkte an. Sie cremten sich minutenlang die Hände ein oder streichelten über flauschige Pullis. Die ganze Tragik und Komik der Konsumwelt wurden in diesem TV-Studio sichtbar. Man hätte es auch für Satire halten können – es war aber keine.

Die Zielgruppe: Menschen mittleren Alters mit berufstätigem Partner, deren gemeinsame Kinder aus dem Haus sind. Die Botschaft: Kaufen Sie das! Die Shows, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr live übertragen werden, ähneln den Auftritten von Straßenhändlern, die in der Fußgängerzone wundertätige Geräte anbieten, mit denen sich Obst und Gemüse in Windeseile kurz und klein schnippeln lassen. Dazu: Angeblich exklusive Ringe, Schuhe, Wende-Blousons, Kochtöpfe, Staubsauger oder Gesichtscremes. Eigentlich alles.

Eine Bekannte hat mal ein Putzmittel aus Roter Bete entwickelt. Kein Witz, funktioniert wirklich. Eines Tages fuhr sie nach Düsseldorf, um ihr Produkt bei einem dieser Kaufen-Kaufen-Kaufen-Kanäle vorzustellen. Es war so eine Art Casting. Der Moderator fragte, meine Bekannte putzte. „Konzentriertes Saubermachen und gleichzeitiges Reden ist allerdings gar nicht so einfach“, erzählte sie mir später. Also engagierte sie einen Schauspieler, der die Rolle übernahm, aber nicht putzen konnte. Die Verkaufszahlen, die pro Minute erreicht werden sollten, wurden nicht erreicht.

Die Zuschauer von Dauerwerbesendungen sind nicht verrückt nach einem Bio-Putzmittel, sie sind verrückt nach einer Heißluftfritteuse zum Super-Sparpreis von nur 158 Euro und 24 Cent. Ob Klau- oder Kaufrausch ist da völlig egal.

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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