Den ganzen Vormittag sammeln die Transporter der Tafel Lebensmittel aus umliegenden Supermärkten ein. Foto: jh

Tafel Wilhelmsburg: Corona sorgt für mehr Kunden,
aber nicht für mehr Waren

Josefine Harms, Wilhelmsburg. „Heute gibt’s Pommes“, sagt Rainer, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Tafel Wilhelmsburg, während er vorm Alten Deichhaus am Vogelhüttendeich Kisten aus dem Transporter hievt. Darin befinden sich außer den Pommes auch noch Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukte. Alles Spenden von Lebensmittelhändlern.
Millie (53) steht schon um 11 Uhr in der Warteschlange. Es ist kalt, unter ihrem Mantel trägt sie noch eine Strickjacke. Aber das Warten lohnt sich. „Je weiter vorne man steht, desto besser“, erklärt sie.
Bei der Tafel treffen sich Menschen, bei denen das Geld knapp und der Monat noch sehr lang ist. Nicht nur Rentner, auch Hartz IV-Empfänger, Minijobber… „Ich habe eine große Familie“, sagt Millie. Das Geld reicht einfach nicht, um alle satt zu bekommen.
Wer bei der Tafel einkaufen möchte, muss eine Einkommensbescheinigung vorlegen. Dann gibt‘s für fünf Euro die Tafelkarte, mit der man einmal in der Woche Lebensmittel abholen kann. Heute kaufen sich 25 Kunden eine Tafelkarte.
„Seit Beginn der Pandemie ist die Anzahl unserer Kunden gestiegen“, weiß Victoria Simon, Praktikantin bei der Tafel Wilhelmsburg. „Viele Menschen haben ihre Jobs verloren oder sind in Kurzarbeit getreten.“
Die Nachfrage steigt, nicht aber die Menge der Ware. Den ganzen Vormittag über sammeln ehrenamtliche Helfer, meist Rentner, die nach einer Freizeitbeschäftigung gesucht haben, mit dem Transporter Lebensmittel aus den umliegenden Supermärkten ein.
Die Lagerräume der Tafel füllen sich langsam. Hier wird die Ware sortiert, Lebensmittel, die nicht mehr gut sind, werden ausgemustert. Simon findet eine matschige Orange in einer der Paletten. Die kommt in den Müll, die anderen sind einwandfrei. Auch die Milchprodukte sind noch mindestens einen Tag vom Mindesthaltbarkeitsdatum entfernt. In den Supermärkten wurden diese Produkte aus den Regalen genommen.
Um 13 Uhr beginnt die Ausgabe der Lebensmittel. „Früher konnte man sich alles selbst aussuchen“, erzählt Rentner Walter (77). Wegen der Corona-Pandemie und den damit einhergehenden Hygieneregeln geht das nicht mehr.
Walter hebt seinen Trolley und eine große blaue Ikea-Tasche über den Zaun und reicht beides einem der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Tasche und Trolley werden bis zum Rand mit Lebensmitteln befüllt. Kim, die hinter ihm in der Schlange steht, war noch kreativer. Sie hat einen Kinderwagen dabei. Darin ist aber nicht etwa ihr Kind, sondern genügend Platz für die drei vollen Tüten. So spart sich die Schlepperei nach Hause.
„Schweinefleisch? Nimmt irgendwer kein Schweinefleisch?“ fragt Rainer. Mehrere Menschen in der Schlange nicken hastig, auch Millie. Sie isst kein Schweinefleisch.
Die Kisten mit Pommes, die Rainer ausgeladen hat, stehen nicht hinten bei den Lagerräumen. Gut sichtbar für alle liegen die Pommes-Packungen ganz vorn und werden von Rainer auf die bunten Kisten verteilt.
Auch Millie bekommt eine Packung in ihre Kiste gelegt, viele Kunden hinter ihr haben ebenfalls Glück. Aber dann ist die letzte Packung verteilt, und in der Schlange stehen immer noch zehn Kunden. Auch für Walter gibt‘s heute keine Pommes mehr.
„Es gibt halt nur das, was da ist. Manchmal ist das mehr, manchmal weniger. Lebensmittel, die eine ganze Familie schnell satt bekommen, kommen besonders gut an“, erzählt Viktoria Simon. Aber auch die letzten Kunden bekommen drei volle Tüten mit Lebensmitteln. Niemand geht ohne Ware nach Hause. Gab es weniger Spenden, werden die Kisten nicht so voll gepackt.
Vor der Tafel wird nun ordentlich gepackt. Während Kim ihre drei Tüten in ihren Kinderwagen packt und dann sofort nach Hause geht, blieben andere noch da und schauen sich genau an, was sich ihren Tüten befindet. Millie packt die schweren Sachen, wie die Milch, nach unten in ihren Trolley.
Neben der Tafel steht eine Kiste, in die man Lebensmittel, die man nicht haben möchte, packen kann. Millie legt einen Salatkopf rein. Eine Zitrone liegt schon darin, daneben ein Bund Radieschen. Die können sich jetzt andere mitnehmen.
Die Tafel Wilhelmsburg sucht neue Ehrenamtliche, die mithelfen, die Lebensmittel zu sortieren und die Transporter fahren können. Auch Spenden sind immer willkommen.

Wann gilt man als arm?
Wer weniger als 60 Prozent des landesweiten Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet. Im Jahr 2020 waren dies bei einem Einpersonen-Haushalt 1.126 Euro im Monat, bei einer Familie mit zwei Kindern 2.364 Euro. In Hamburg liegt die Armutsrisikoquote bei 17,8 Prozent (Bundesdurchschnitt: 16,1). Besonders betroffen sind Familien mit mehr als drei Kindern, Alleinerziehende, Erwerbslose und Menschen mit Migrationshintergrund. Durch die Pandemie hat die Armut zugenommen.

Tafel Wilhelmsburg

Pakete mit 10 Kilogramm Reis können nicht an eine einzige Familie ausgegeben werden. Deshalb füllen Ehrenamtliche den Reis in kleinere Beutel um.Foto: jh

Adresse: Vogelhüttendeich 55
(im Alten Deichhaus)
Öffnungszeiten:
di bis sa jeweils 9 bis 14.30 Uhr
Außenstellen
Gemeindehaus Kirchdorf
Öffnungszeit: mi 9 bis 11 Uhr
Gemeindehaus
Immanuelkirche Veddel
Öffnungszeit: mo 10.30 bis 11.30 Uhr
Kreuzkirche St. Raphael
Öffnungszeit: di 10 bis 13 Uhr
www.tafel-wilhelmsburg.de

Harburger Tafel
Adresse: Buxtehuder Straße 31
Öffnungszeiten:
di 11 bis 13.30 Uhr nur
Kunden mit Schwerbehinderungen + Pflegedienste
mi bis fr 10 bis 13 Uhr
Außenstelle Neuwiedenthal
Thomas-Gemeinde
Adresse: Lange Striepen 3a
Öffnungszeit: di 13 bis 15.30 Uhr
(ab 12 Uhr nur Pflegedienste)
www.tafel-harburg.de

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