Beim Monopoly haben Mitspieler kein Herz in der Brust, sondern etwas, was einer Registrierkasse sehr ähnlich ist. Foto: Panthermedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Manchmal, meist ist es noch sehr früh am Morgen, wacht man auf und ist sich gar nicht sicher, ob man nicht vielleicht doch noch schläft. Es ist die Zeit der wirren Träume, in der alles passieren kann und nichts unmöglich scheint. Es ist die Zeit der Zwischenwelten. Und genau so fühlt es sich die letzten zwei Jahre ja irgendwie auch an: Träumt man? Ist man wach? Ist das wirklich alles wahr?

Zu den besonders großen Wirren dieser Zeit trägt der Umstand bei, dass im Alltag an allen Ecken das Fremde und Bedrohliche lauert. In diesen Tagen sind es natürlich und vor allem das Corona-Virus und seine aggressiven Verwandten und Mutanten. In regelmäßigen Abständen sind es aber auch die geist- und vor allem extrem witzbefreiten Wahlplakate der Parteien, die an Laternenmasten hängen. Oder Legosteine, die auf dem Wohnzimmerteppich liegen. Und einmal im Jahr ist es Monopoly. Ja, Sie haben richtig gelesen das MONOPOLY. Stichwort: „Du hast den zweiten Preis in einer Schönheitskonkurrenz gewonnen.“ Oder besser noch: „Betrunken im Dienst. Strafe DM 400.“

Denn die Spielidee, vor 118 Jahren in den USA entwickelt von einer Frau mit dem wunderbar sprechenden Namen Lizzie Magie, scheint aktueller denn je. Wo wir nun auch endlich beim Punkt wären: Es kann sein, dass die Erinnerung einiges verzerrt, aber mir kommt es so vor, als sei das spätere Weltbild vieler schon in jungen Jahren durch eine so genannte Gemeinschaftskarte geformt worden, auf der es hieß: „Gehe in das Gefängnis! Begib dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht 4.000 Mark ein.“

Das war natürlich hart, brutal hart, und zudem noch ungerecht. Ehrlich, ich hatte nichts ausgefressen damals, keine Bank überfallen, nicht mal Steuern hinterzogen, und doch saß ich im Knast, während die anderen, diese Schurken, die sich Freunde nannten, feixend meinen Ruin vorantrieben. Halsabschneider, die kein Herz in der Brust hatten, sondern etwas, was einer Registrierkasse sehr ähnlich gewesen sein musste.

Sie kauften die Schlossallee, die Parkstraße, alles gehörte bald ihnen. Überall bauten sie Häuser und Hotels, wo sie von armen Schluckern, die ihre Haftstrafe abgesessen hatten, horrende Mieten kassierten, bis diese blank waren, pleite und schließlich raus aus dem Spiel. Schon lange vor Hartz IV kannte man das Hartz-IV-Gefühl. So lehrreich ist Monopoly noch heute. Vielleicht ist das aber alles auch nur ein besonders schöner Albtraum.

 

Oliver Lück. Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)
> www.lueckundlocke.de

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