Mit einer Lesebrille geht vieles leichter. Foto: Victorrocha/wikimedia

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Irgendwann erreicht ja jeder das Alter, in dem er das Kleingedruckte nicht mehr lesen kann und selbst das Großgedruckte für kleingedruckt hält. Sobald die Weitsicht diesen Grad erreicht hat, findet man in der Zeitung die selbstverständlichsten Dinge nicht mehr: große Namen wie Franz Beckenbauer oder Boris Becker in den Rankings der beliebtesten Deutschen zum Beispiel.

Oder Worte wie Selbstkritik in den offiziellen Stellungnahmen unserer Automobilhersteller. Dafür liest man immer häufiger Nachrichten wie: Moderatorin XY gönnt sich morgens immer ein Leberwurstbrot. Oder: Topmodel hat Salto von Luxusyacht gemacht. Und man fragt sich: Wo sind die wirklichen Nachrichten geblieben? Und man denkt sich: Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass ich das Kleingedruckte nicht mehr lesen kann.

In anderen Fällen hilft eine Lesebrille. Das heißt, sie würde helfen, wenn man sie denn fände. Lesebrillen sind höchst flüchtige Erscheinungen. Sie entziehen sich ihrem Besitzer immer dann, wenn er sie am dringendsten braucht. Bei der Vorlage eines kniffligen Vertrages. Im Auto, wenn man eilig die Straßenkarte im Maßstab 1:4000000 aufschlägt.
Lesebrillen sind niemals dort, wo sie sein sollen, aber sehr gerne da, wo sie nicht sein dürfen. In der hintersten Hosentasche zum Beispiel, wenn man sich auf den Autositz fallen lässt. Das freie Wochenende verbringen sie gerne im Büro, montags bleiben sie lieber zuhause.

Neulich gerade bestellte ich mir im Zug von Hamburg nach Frankfurt ein Sandwich. Ein einfaches Toastbrot mit Pastrami, Senf und Krautsalat. Rekordverdächtig las sich dann allerdings die extrem kleinstgedruckte und extrem lange Zutatenliste: Es waren nicht weniger als 85 Inhaltsstoffe. Da ich Sie nicht langweilen möchte, erspare ich Ihnen an dieser Stelle Auszüge aus diesem beeindruckenden Verzeichnis natürlicher und vor allem künstlicher Aromen. Und während ich da so saß und aß und Deutschland an mir vorbeiflog, stellte ich mir vor, wie sehr viele Deutsche-Bahn-Köche sehr viele Tage, ach was, unzählige Monate an diesem belegten Brot gefeilt hatten. Wie sie einen Snack aus 85 Zutaten zusammengebaut hatten und irgendwann der Moment gekommen und das Kunstwerk verzehrfertig belegt war. Ein Frankenstein-Sandwich allererster Klasse!

Vielleicht hatte ich mich beim Lesen des Kleingedruckten aber auch bloß verzählt, weil ich meine Lesebrille vergessen hatte.

 

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

Oliver Lück

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

 

 

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