Der Parkhafen war einer der Orte, an denen die Deiche brachen. Foto: pr/Repro: da

René Dan, Hamburg. Wenn Johannes Tönnies (82) über die große Flut spricht, kommt der Moment, an dem er ins Stocken gerät, ihm Tränen in die Augen schießen. Noch heute zittert seine Stimme, wenn er davon erzählt, wie der Deich brach. Mit verheerenden Folgen. Vor fast genau 60 Jahren, in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962, suchte eine Sturmflut Norddeutschland und insbesondere Hamburg heim. Die Wassermassen infolge des Orkantiefs „Vincinette“ forderten insgesamt 340 Menschenleben, allein in der Hansestadt 315.
Besonders viele Wilhelmsburger ertranken oder wurden von den Mauern ihrer von der Elbe zerstörten Häuser erschlagen: insgesamt waren es 222.

Auch am Maakenwerder Grund wurden die Häuser nicht wieder aufgebaut. Foto: pr/Repro: da
Johannes Tönnies hat Menschen gerettet. Foto: DA

Auch in Süderelbe gab es zahlreiche Tote zu beklagen, allein in Waltershof starben 43 Menschen. „Ich kannte jedes einzelne der Opfer“, sagt der damalige Waltershofer und heutige Sülldorfer Tönnies. Er arbeitete in seinem Stadtteil für die Post – und porträtierte ihn Jahrzehnte später in seinem Buch „Von Walters-Hof zum Containerterminal: die Elbinsel Waltershof“.
In jener verhängnisvollen Freitagnacht schlief Johannes Tönnies bereits in einem etwas höher gelegenen Teil Waltershofs, als sein Vater an die Tür klopfte und dem Sohn zurief: „Du musst Oma und Opa retten – sie saufen ab!“ Der damals 22-Jährige fuhr mit einem Post-VW Käfer zur Straße Rugenberger Damm. Wie so viele Menschen in Waltershof und Wilhelmsburg, die besonders stark von der Flut betroffen waren, wohnten auch die Großeltern in der Gartenlaube einer Kleingartenkolonie.

Johannes Tönnies stellte den Wagen, ab watete die letzten Meter durch das brusthohe Wasser zum Waltershofer Behelfsheim der Großeltern, das ebenfalls unter Wasser stand. „Dort war das Wasser 1,30 Meter hoch.Oma und Opa saßen auf Stühlen, die auf Tischen standen.“ Es gelang ihm, die Großeltern zu retten.
Als Johannes Tönnies später nach Hause zurückkehrte, stellte er fest: Sein Behelfsheim stand etwa 15 Zentimeter unter Wasser. Nicht weit von ihm entfernt spielten sich dramatische Szenen ab. „Der Damm zum Parkhafen war gebrochen und hat alles mitgerissen“, erinnert sich Tönnies – insgesamt gab es in Hamburg rund 60 Deichdurchbrüche. Menschen trieben auf den Dächern ihrer Gartenlauben vorbei und riefen um Hilfe. Bei sich in Maakenwerder-Waltershof hielt Tönnies gemeinsam mit Nachbarn einen Mann fest, der sich ein Seil umgebunden hatte, um eine Frau aus dem Wasser zu ziehen. Weitere Menschen konnten sie retten.

Doch immer wieder kam es auch in Waltershof zu tragischen Situationen. „Eine Oma sollte mit ihrer der kleinen Enkelin schon mal vorgehen und sich in Sicherheit bringen – eine riesige Welle riss beide in den Tod“, so der 82-Jährige. Und der drei Meter hohe Zollzaun in Griesenwerder bot keinen Schutz: „Menschen kletterten den Zaun hoch, konnten sich nicht festhalten und ertranken.“
Monika Genz (79) konnte sich in der Nacht des 16. Februar, sich in Neuenfelde vor den Fluten in die Mühle Hassel zu retten. Zuvor hatte sie einen Kinoabend mit ihrem späteren Ehemann verbracht. Doch als sie das Lichtspielhaus an der Hasselwerder Straße verließ, tobte Orkantief Vincinette über ihnen. Am nahegelegenen Deich „kam die Gischt rübergeflogen“, erinnert sich die damals 20-Jährige. Sie lief an das Ende der Straße, um ihre Eltern zu warnen. Die Familie versuchte, Kartoffeln, Kohlen und Feuerholz aus dem Keller zu retten: „Wir haben nicht viel geschafft.“
In Gummistiefeln liefen sie schließlich mit Nachbarn zur nahegelegenen Mühle, die in einen Deich eingebaut war. „Wir waren völlig durchnässt, haben gezittert und geweint.“ Anders als andere Gebäude, die ebenfalls Bestandteil von Dämmen waren, hielt diese Mühle der Elbe stand.
Als Monika Genz am nächsten Morgen die Windmühle verließ, war sie schockiert: „Alles war eine Wasserwüste.“ Die Straßen waren zerstört, ebenso Häuser des überfluteten Dorfes Neuenfelde, ertrunkene Tiere waren immer wieder zu sehen. Doch auch Menschen fielen der Flut zum Opfer: Insgesamt acht Menschen kamen in Neuenfelde ums Leben. Monika Genz: „Noch heute habe ich von der Flut Albträume.“

Die Wilhemsburgerin Jutta Hennenberger erlebte die Flut als 13-Jährige und hat einen ganz anderen Blickwinkel: „Für mich war es eine unglaublich spannende Zeit – das Leid hatte ich damals nicht mitbekommen.“ Allerdings hörte das Mädchen, das nahe der Windmühle Johanna wohnte, in der Flutnacht Schreie aus der Behelfsheimsiedlung Hövel. Irgendwann verstummten die Schreie. „Mir war damals nicht klar, dass so viele Menschen ertrunken waren.“
Nach der Flutnacht begann die für das Mädchen so aufregende Zeit. Die Schule fiel aus, und bei den Ärzten Dr. Jakobs und Dr. Voges durfte die spätere Kinderkrankenschwester, während das Duo im Kindergarten gegen Cholera und Typhus impfte, Tabletten halten. Der Nachbarsjunge durfte sogar im Bundeswehrhubschrauber mitfliegen, und mit ihren Freunden vermochte sie eine Wanne im Boot zu verwandeln, in dem sie im Freien paddelte.
Im Elternhaus – in dem die 73-Jährige noch heute lebt – stand einzig der Keller unter Wasser. Allerdings mit existenziellen Folgen: Die Inhaber der Spirituosenhandlung „von Drateln“ mussten den Verlust vieler Wein- und Schnapsflaschen hinnehmen, die mit dem Wasser davongeschwommen waren. So stand auch das Gelände an der nahegelegenen Schönenfelder Straße in Richtung des heutigen Luna Centers rechts und links der Straße unter Wasser.

Deichsicherheit
Könnte sich eine erneute Flutkatastrophe wie 1962 in Hamburg wiederholen? „Ein hundertprozentiger Schutz vor bislang nie dagewesenen Sturmflutereignissen kann es nicht geben“, so Renate Pinzke, Pressesprecherin der Umweltbehörde, auf Anfrage des Elbe Wochenblatts. Heute aber sei Hamburg „sehr viel besser auf Sturmfluten vorbereitet“ als 1962. So betrug die Deichhöhe vor 60 Jahren noch überall rund 5,70 Meter über dem Meeresspiegel, Fachausdruck: Normalhöhennull (NHN). Mittlerweile liegen die Deichhöhen in Wilhelmsburg in etwa bei 7,80 bis 8,30 Meter über dem Meeresspiegel, in Finkenwerder in etwa bei 7,90 Meter. Maximale Höhe in Hamburg: 10,10 Meter.
Der Klimalwandel führt allerdings zu höheren Wasserständen. Renate Pinzke: „Auch deswegen ist Küstenschutz eine Daueraufgabe.“ Je nach Maßnahmenbündel werden in Hamburg jährlich 20 bis 30 Millionen Euro für den Ausbau des öffentlichen Hochwasserschutzes verwendet.

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