Eddy Winkelmann mit seinem Arbeitsgerät. Foto: winkelmann

Abgesagte Konzerte, keine Auftritte, keine Einnahmen – auch Veranstalter und Musiker leiden schwer unter der Pandemie. Wie kommt ein Soloselbstständiger durch die Pandemie? Nachgefragt bei Eddy Winkelmann. Der Wilhelmsburger hat seit Jahrzehnten eine festen Platz in der Hamburger Musikszene.

EW: Reichen die staatlichen Hilfen, um die gröbste Not zu lindern?
Winkelmann: Als Soloselbstständiger kommt man gerade sehr schlecht durch diese Zeit, die Auftritte brechen mal wieder weg, Nachholtermine von 2020 und 2021 entfallen, weil aktuellere Termine, wenn es denn geht, ja genauso gemacht werden wollen. Also wieder Warteschleife…
Dann haben die meisten von uns auch Post bekommen und die Kredithilfen vom letzten Jahr müssen zurück gezahlt werden. Das Geld hat man einfach genommen, weil einem das Wasser bis zum Hals stand, einfach um existent zu bleiben. Als Soloselbständiger ist man ja sein eigenes Grundkapital, seine eigene Firma, sein Orchester, sein Moderator, sein Schreiber…wenn ich kein Geld einnehme, muss ich ja irgend wovon leben. Ich bin also mein Betriebskapital. Man hat Hunger und muss auch weiterhin Miete zahlen. Ich habe noch von keinem Vermieter gehört, der sagt „ ach, brauchst erst zahlen, wenn es wieder gut läuft.“ Anstatt dessen sagt mir mein Steuerberater, ich hätte von dem Geld einen Computer und eine neue Gitarre kaufen sollen…dann hättest du es nicht zurück zahlen müssen…
Wundern Sie sich jetzt noch, dass man als Musiker spätestens jetzt beim Blues landet ?

Nicht wenige Kulturschaffende haben sich einen Aushilfsjob zugelegt. Sie auch?
Einen Aushilfsjob brauchte ich bisher noch nicht, weil ich ein kleines Tonstudio auf der Peute habe. Wunderbare Kollegen, die hier Songs aufnehmen und kleine Themenbeiträge für den NDR, retten mir im Moment den Arsch. Und da bin ich auch sehr dankbar für. Aber viele Kollegen und Freunde retten sich auch in Jobs, an die sie vorher nicht im Traum gedacht haben. Medienberater, IT Experten, Edeka Aufpacker, Kindergärtner, Gartenhilfe…nur eine kleine Auswahl.
Aber auch ich werde drüber nachdenken müssen.

Was macht ein Liedermacher, der nicht auftreten kann, den ganzen Tag?
Mein Problem ist: Ich werde auch mental langsam mürbe und so oft ich auch gesagt bekomme, Kopf hoch, es wird weiter gehen, so oft habe ich auch das Gefühl, dass ich durch Covid 19 um meine goldenen Erntejahre betrogen werde.
Songs und Geschichten zu schreiben ist eine Sache, eine andere Sache ist, wie das Publikum sie aufnimmt, wie wir interagieren, uns hochschaukeln, die Band zur Höchstform aufläuft, das Publikum mit einem breiten Grinsen nach Hause geht…und wir auch. Das fehlt.
Und nein: Es macht keinen Spaß für uns alle, hinter einer Plexiglaswand zu spielen oder zu sprechen, das Publikum sieben Meter weit weg, mit Maske, so dass man vorne auf der Bühne nicht mal mitbekommt, ob sie lachen oder husten…
Ich bin heilfroh, dass die Band und ich, ob nun als Duo oder solo, alle „Big Points“ an Auftritten schon in der verhältnismäßig „freien Zeit“ im Oktober bzw. November spielen konnten. Balsam für die Seele. Im Dezember wars schon wieder enger.
Und die Aussicht auf 2022 ist nicht gerade besser.
Jahreswechsel: man prostet sich zu und wünscht sich alles Gute für das neue Jahr. Und das nehme ich diesen Jahreswechsel eher familiär. Meine Familie, mein Privatleben außerhalb der Bühne, gewinnt an Gewicht. Geben mir Halt. Ich füge mal mit einem süßsaurem Lächeln hinzu: Gott sei Dank, meine Frau hat einen festen Job. Ich werd zum Hausmann, sie sorgt für die Kohle, um das Ganze am Laufen zu halten.
So war es aber eigentlich nicht gedacht. Die Pandemie stellt die Weichen. Ich bin nur noch Passagier.

Sind Sie geimpft und geboostert?
Ich bin jetzt dreimal geimpft. Nicht, dass ich mir den Impfstoff voller Freude hab verabreichen lassen. Aber es gibt im Moment keinen anderen Weg, keine andere Vernunft, gegen diese Pandemie anzugehen.
Ich sehe im Fernsehen, wie tausende Impfgegner durch die Hamburger Innenstadt ziehen, teilweise ohne Maske…und ich weiß, dass eine dringende Operation eines eng befreundeten Musikerkollegen zum zweiten Mal verschoben werden musste, weil die Kapazität der Ärzte erschöpft war, um das Leben der Ungeimpften mit Covid 19 zu retten.
Da schluckt man einmal, da schluckt man zweimal, beim dritten Mal kommt Wut hoch. Kannte ich von mir gar nicht. Corona polarisiert. Im Moment bin ich aber noch gegen eine Impfpflicht, es würde einen noch tieferen Graben ziehen…Mein Gott, das müssen wir doch auch mit Vernunft hinkriegen können.

Was sind Ihre Pläne und Hoffnungen für 2022?
Es sieht im Moment nicht so aus, als wäre im Frühjahr Normalität wieder angesagt. Das wird noch eine Weile dauern…bis zur nächsten Covid Variante, eventuell zieht die dann schon wieder eine neue Impfung nach sich.
Ich mag auch keine Comedy mehr über dieses Thema hören, keine Witze, kein Cartoon, ich kann nicht mehr da drüber lachen. Ich gehe ins Studio, in meine kleine heile Welt, schreib und produziere und wenn der ganze Scheiß vorbei ist… bitte weckt mich.

Eddy Winkelmann
Jens Eddy Winkelmann, geboren 1957 in Wilhelmsburg, zwei Schulen durchgehalten, eine nicht. Aufgewachsen im Bahnhofsviertel, wo seine Großeltern ein Fischbgeschäft betrieben. Er ist eine Mischung aus Kabarettist, Liedermacher, Popbarde und Chansonnier. Seine Lieder handeln vom Hafen, der Elbe und den Menschen, die hier leben und arbeiten.

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