Briefzusteller bei der Arbeit. Foto: André Lenthe Fotografie

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Ich habe Post von der Post bekommen, was zunächst nichts Ungewöhnliches oder gar Erzählenswertes ist. Aber: Es war eine Entschuldigung, was dann doch besonders war. Noch nie hatte sich die Post bei mir entschuldigt. Auch wenn es kein handgeschriebener Brief war, in dem ein/eine MitarbeiterIn (w, m, d) sein/ihr Bedauern ausdrückte. Und auch der oder die PostpräsidentIn hatte nicht persönlich unterzeichnet. Es war ein von einer Maschine getippter Standardbrief. Die Zeilen endeten anonym: „Mit freundlichen Grüßen Ihr Kundenservice.“

Doch worum ging es in diesem Schreiben: Betreff: Beschädigte Sendung. „Sehr geehrter Postkunde, die beigefügte Briefsendung können wir Ihnen erst heute zustellen. Sie wurde während der Briefsortierung in einer unserer Maschinen beschädigt/verschmutzt. Das tut uns sehr leid. Wir hoffen, dass Sie uns auch weiterhin Ihr Vertrauen schenken. Sollten Sie einen Teil oder den Inhalt der Sendung vermissen oder noch Fragen haben, rufen Sie bitte an oder Sie schreiben uns.“

Nun ja, was soll ich sagen, „beschädigt“ scheint mir in diesem Zusammenhang etwas untertrieben zu sein – vom einstigen Briefumschlag war nur noch die Hälfte übrig. Immerhin konnte ich noch die Absenderin lesen: Meine Tante Helga aus Barmbek hatte mir geschrieben. So, wie sie es jedes Jahr zu Weihnachten tut. Und so, wie sie es jedes Jahr pflegt, hatte sie dem Umschlag auch eine Grußkarte und 50 Euro beigelegt. Was nun seltsam war: Die Karte kam an, das Geld fehlte.

Früher war mehr echte Post. Man bekam noch von Hand verfasste Briefe. Schrieb man selber, musste man warten, bis die Tinte getrocknet war. Erst dann konnte man das Blatt falten und in den Umschlag stecken. Und schon deshalb freue ich mich in dieser sonst eher postfreien Zeit immer sehr auf die Weihnachtskarte meiner Tante – nicht nur wegen des Geldes!

Sollten Sie noch Fragen haben … steht in dem Schreiben. Ja, die habe ich. Warum ist die Karte noch da, das Geld aber nicht? Hat jemand den Brief absichtlich geöffnet? Und vor allem: Was soll ich denn jetzt Tante Helga sagen? Sie merken schon: Das neue Jahr scheint ein überaus spannendes zu werden, es hat mit einem Kriminalfall begonnen.

 

Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

> www.lueckundlocke.de

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