Das Jahr der Formulare: Oliver Lück musste viele von ihnen ausfüllen.Foto: panthermedia

Wenn ich meinen Zahnarzt anrufe, um einen Termin zu vereinbaren, und er mir sagt, dass er die ganze folgende Woche und auch die danach keinen Termin mehr frei habe, glaube ich ihm. Er ist ein seriöser Profi. Aber wenn mich jemand zu einem spontanen Radiointerview (noch am selben Vormittag) anfragt oder ich in eine dieser seltsamen TV-Rateshows eingeladen werde (was inzwischen einmal im Monat vorkommt), und ich sage, dass ich keine Zeit habe, glaubt man mir nicht. „Einer wie Sie wird die Zeit schon finden“, heißt es dann. Oder: „Könnten Sie nicht vielleicht doch irgendwie am So-und-so-vielten unser Gast sein?“ Offensichtlich werden wir Buchautoren nicht für seriöse Profis gehalten, wir sind Tagediebe, die von Luft und Liebe leben. Dazu passen die oft gehörten Sätze: „Warum wollen Sie denn für Ihre Lesung ein Honorar? Überlegen Sie es sich doch noch einmal, es wird ein sehr netter Abend, und Sie können ja auch Ihre Bücher verkaufen.“
Im nun gleich abgelaufenen Jahr – glauben Sie es mir oder glauben Sie es mir nicht – hatte ich übrigens noch weniger Zeit als sonst, da ich seitenlange Antragsformulare für Sofort- und Neustarthilfen Plus Plus Plus und „Entschädigungen für Verdienstausfall nach § 56 Absatz 1 des Infektionsschutzgesetzes“ ausfüllen und mich mit furchteinflößenden und menschenfeindlichen Formulierungen wie „Die oder der Begünstigte ist weiterhin entsprechend § 1 LSubvG in Verbindung mit § 4 SubvG unterrichtet“ auseinandersetzen musste. Die Frage, die nach Paragraf „Seid ihr denn noch bei Trost!?“ erlaubt sein muss: Warum reden Behörden so mit ihren Bürgern?
Kürzlich dann beantragte ich auch noch neue Fahrzeugpapiere für meinen nun 30 Jahre alten Bulli. Und wie ich es eigentlich immer mache, legte ich dem doch eher trockenen Antrag einen kleinen aber herzlich gemeinten Gruß in Form einer Postkarte bei. Ich schrieb: „Viele Grüße in die KFZ-Zulassungsstelle!“ Und sogleich stellte ich mir vor, wie sich der oder die Sachbearbeiter zwischen den alltäglichen Ummeldungen und Gebührenverordnungen vielleicht ein kleines bisschen freuen würde über etwas unerwartete menschliche Wärme auf 10,5 mal 14,8 Zentimetern. Ich dachte, dass selbst etwas so Einfaches wie eine analoge Postkarte ein echtes Highlight werden könnte, so eine Art Rettung zwischen Außerbetriebsetzungen und Wunschkennzeichen. Nur eine Woche später bekam ich meine aktualisierten Fahrzeugpapiere wieder zurück – ach ja, und die Postkarte auch.

Oliver Lück
ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:  

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

www.lueckundlocke.de

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here