Ein großer Teil der Händler auf dem Stübenplatz verkauft Kleidung und Stoffe. Foto: cvs

Ch. v. Savigny, Wilhelmsburg. Das Bezirksamt Mitte schlägt Alarm: Immer weniger Kunden und Händler kommen auf Hamburgs Wochenmärkte. Um diese Entwicklung zu stoppen, hatte die Verwaltung im Sommer die Hamburg Kreativ Gesellschaft damit beauftragt, einen „Maßnahmenkatalog“ gegen die Verödung der Märkte zu entwickeln. Die Ergebnisse dieser Untersuchung liegen nun vor (siehe Interview).
Auch das Bezirksamt Mitte selbst ist als Veranstalter vom Niedergang der Wochenmärkte betroffen: Laut letzter Erhebung von vor zwei Jahren hatte der durchschnittliche Kostendeckungsgrad zum Schluss nur noch 85 Prozent betragen. Im Klartext: Hamburg macht mit seinen Märkten ein Minusgeschäft. Die Verwaltung ist unter anderem für Strom, Wasser und Toiletten zuständig, und sie treibt die Standmieten ein. Trotz des nachlassenden Besucherinteresses soll eine Streichung von Markttagen oder gar ganzen Marktstandorten unter allen Umständen vermieden werden.
Insgesamt neun bezirkliche Wochenmärkte gibt es in Mitte, davon zwei mit einem Markttag und die restlichen sieben mit jeweils zwei Markttagen. Wilhelmsburg hat mit dem Berta-Kröger-Platz und dem Stübenplatz zwei Standorte. „Diese beiden Märkte laufen im Gegensatz zum Durchschnitt im Bezirk Mitte relativ gut“, hat Ali Kazanci festgestellt. Der Wilhelmsburger Politiker sitzt für die SPD in der Bezirksversammlung Mitte und wurde dort zum Sprecher des vor gut zwei Jahren gegründeten Wochenmarktausschusses ernannt. Durch Corona sei das Kundeninteresse zwar „einen Tick“ zurückgegangen. Man habe aber dennoch gemerkt, wie wichtig der persönliche Kontakt gerade in Krisenzeiten sei. „Es werden auf keinen Fall Wochenmärkte geschlossen, dafür sind sie zu wichtig, auch als sozialer Treffpunkt“ sagt auch Kazanci.

Hippe Imbissbuden
als Marktretter?
Interview mit Theo Haustein, Leiter des Wochenmarktprojekts beim Cross Innovation Hub

Insgesamt rund 750 Hamburger hatte der zur Hamburg Kreativ Gesellschaft gehörende „Cross Innovation Hub“ nach ihren Einkaufsgewohnheiten befragt. Interviewt wurden darüber hinaus gut 60 Händler. Mit allen Beteiligten – Bezirksamt Mitte, Wochenmarkt-Ausschuss, Kreative, Händler – wurden mehrere Workshops durchgeführt. Zu den Verbesserungsvorschlägen zählen zum Beispiel Abendöffnungszeiten, Kooperationen mit Schulen sowie der bereits getestete Probierstand. Das Wochenblatt sprach mit Theo Haustein, dem Leiter des Wochenmarktprojekts beim Cross Innovation Hub.

EW: Im Bezirk Mitte gibt es derzeit neun Wochenmärkte mit jeweils ein bis zwei Markttagen pro Woche. Allgemein wird beklagt, dass die Anzahl der Kunden deutlich nachlässt und die Händler nicht mehr genug verdienen. Woran liegt das?
Theo Haustein: Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist, dass die Händler keinen Nachwuchs mehr finden. Landwirte oder auch Obst- und Gemüsebauern haben nicht selten einen 12- bis 14-Stunden-Tag – darauf haben natürlich die wenigsten Lust. Ein weiterer Grund: Supermärkte und Discounter machen einfach zu viel Konkurrenz. Während der Corona-Pandemie haben darüber hinaus Lieferdienste wie Gorilla und Flink viel Auftrieb bekommen. Sich die Ware nach Hause liefern zu lassen, kostet heutzutage kaum mehr als im Geschäft selbst.

Wer geht heutzutage eigentlich noch auf den Markt und warum?
In erster Linie Menschen jenseits der 30. Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die Altersgruppe der 13- bis 25-Jährigen nur fünf Prozent der Gesamtbesucher ausmacht. Die meisten nennen Auswahlvielfalt und Warenqualität als Kriterien. Natürlich spielt auch die soziale Komponente eine große Rolle, also zum Beispiel der Schnack mit dem Händler oder mit anderen Besuchern.

In Ihrem „Maßnahmenkatalog“ machen Sie verschiedene Vorschläge, um die Attraktivität der Märkte zu erhöhen. Etwa „Markt-Hopping“ mit Influencern oder Fernsehköchen, Kooperation mit Schulen (Kochen mit Kindern) oder Öffnungszeiten am Abend. Offenbar bereits mit Erfolg getestet wurde die Idee des Probierstands, bei dem sich Anbieter kurzfristig – und dazu kostenfrei – als Marktleute ausprobieren können. Welche der Ideen scheinen Ihnen am erfolgversprechendsten bzw. am ehesten umsetzbar?
Im nächsten Frühjahr sollen erstmals einzelne Märkte abends anstatt vormittags öffnen. Dadurch erhofft man sich unter anderem mehr Zulauf durch Berufstätige.

Sind die Händler denn mit dieser Neuerung einverstanden?
Auf Grund der vollen Tage ist die Umstellung für die Händlerinnen und Händler eine Herausforderung. Deshalb auch der lange Vorlauf, damit sie sich darauf einrichten können. Und um dem Bezirksamt etwas Zeit zu geben.

Auch Livemusik und hippe Imbissbuden werden als mögliche „Marktretter“ genannt… Muss man in sozial schlechter gestellten Quartieren nicht ganz andere Maßnahmen ergreifen, als in Stadtteilen, in denen die Leute gerne viel Geld für Unterhaltung ausgeben?
Ja, absolut! Das wäre ein guter Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen zum Thema „Soziokulturelles Umfeld“. Die müssen nun vom Bezirk in Auftrag gegeben werden.

Konkret: Welche Maßnahmen eignen sich für die beiden Wilhelmsburger Wochenmärkte auf dem Stüben- und auf dem Berta-Kröger-Platz?
Eine Idee wäre, die sozialen Einrichtungen des Stadtteils vorzustellen. Zum Beispiel: Wo bekomme ich Hilfe als Alleinerziehender? Als Arbeitsloser? Überhaupt könnte der Wochenmarkt viel stärker als soziokultureller Treffpunkt der Zivilgesellschaft genutzt werden.

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