Vor dem Millerntor-Stadion: Michael Krause, Stefan und Sebastian Bartels von den „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ . Foto: Stahlpress Medienbüro

Deutschlands einziger antialkoholischer Fanclub feiert Geburtstag: Die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ machen seit 25 Jahren gegen die Sucht mobil. Michael Krause ist seit 2010 dabei. Von Volker Stahl

Fußball und Bier sind wie siamesische Zwillinge – sie gehören für die meisten Fans einfach zusammen. Jahrelang zelebrierte auch St. Pauli-Anhänger Michael Krause diesen Kult – bis zum Exzess. „Manche Kneipen waren mein zweites Wohnzimmer“, sagt der 61-Jährige, der seit November 2007 keinen einzigen Schluck Alkohol mehr getrunken hat. Nach seinem Entzug wurde er 2010 durch einen Fernsehbeitrag auf Deutschlands einzigen Fanclub aufmerksam, bei dem Alkohol verpönt ist – die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“. Seit vier Jahren ist Sprecher des wohl ungewöhnlichsten Fanclubs des FC St. Pauli.

Wer „Fußball und Bier“ googelt, erhält 37 Millionen Ergebnisse. Also ein aussichtsloser Kampf? „Nein“, entgegnet Krause, „wir kämpfen nicht. Unsere Gruppe ist keine radikale Abstinenzler-Bewegung, die Menschen ihre Drogen abnehmen oder gar verbieten möchte.“ In erster Linie sei der Fanclub für Betroffene da, die für sich eine Entscheidung getroffen haben oder Rat benötigen, wie sie einen neuen, anderen Weg einschlagen können.

Krauses Karriere als Alkoholiker begann im Alter von 18 Jahren. Erst trank er ein bisschen, dann immer mehr. Drei Jahrzehnte lang. Ihm dämmerte zwar, dass er Raubbau an seiner Gesundheit trieb, doch nach selbst auferlegten Trinkpausen soff er umso mehr. Es folgten starke gesundheitliche Probleme – Herzmuskelschwäche, Bluthochdruck, Parodontitis –, dazu gesellten sich wirtschaftliche Sorgen und psychische Instabilität. Es kam noch schlimmer. Sein Vermieter kündigte ihm die Wohnung, außerdem war er nicht mehr krankenversichert. Das war 2007. Doch dank der Unterstützung aus seinem sozialen Umfeld gelang es ihm, die Sucht in Schach zu halten: „Ich konnte neu durchstarten.“ Krause machte einen Entzug, eine Therapie in der Eifel, betrieb Nachsorge und schloss sich einer Selbsthilfegruppe an.

Gleichgesinnte fand er bei den „Weiß-brauen Kaffeetrinker*innen“. Die waren 1996 von zwei ehemaligen Patienten einer norddeutschen Langzeittherapie-Einrichtung gegründet worden. „Für die beiden langjährigen Dauerkartenbesitzer des FC St. Pauli stand damals fest, dass sie aller therapeutischen Ratschläge zum Trotz auch weiterhin die Heimspiele ihres Lieblingsvereins besuchen wollten“, erzählt Krause. Aus einer reinen „Selbstschutz-Beziehung“ unter dem Motto „Ich passe auf dich auf und du auf mich“ sei die Idee entstanden, auch anderen mit dem St. Pauli-Virus infizierten Betroffenen diese Hilfe anzubieten. So entstand ein Selbsthilfeangebot der etwas anderen Art bei dem Fußballverein der etwas anderen Art. Aktuell zählt der Ende November 1996 gegründete Fanclub 40 Mitglieder und Sympathisanten.

Mit dabei ist seit 2010 auch Stefan, der seit zwei Jahrzehnten regelmäßig ins Stadion geht: „Wir treffen uns in kleinen Gruppen vor dem Spiel, dabei fühle mich wohl.“ Ein Alkoholverbot im Stadion würde er begrüßen: „Ich habe mich ja auch daran gewöhnt, im Kino nicht mehr rauchen zu dürfen.“ Der in der Werbung tätige unterstützende „Sympathisant“ des weiß-braunen Fanclubs Sebastian Bartels (52) meint: „Es wird einem zu leicht gemacht, süchtig zu werden. Alkohol hat in der Politik und den Vereinen eine zu starke Lobby.“

Ein Problem: Auch der heiß geliebte FC St. Pauli möchte auf Werbeeinnahmen von der Carlsberg-Brauerei („Astra“) und des Whisky-Herstellers Jack Daniels nicht verzichten. Bei der Jahreshauptversammlung im November 2019 stellten die abstinenten Kaffeetrinker Anträge gegen den Ausschank von Alkohol im Stadion. „Auf der Jahreshauptversammlung haben alle Führungskräfte massiv Front gegen unseren Vorstoß gemacht“, sagt Krause, „Vereinschef Oke Göttlich hat sogar richtig auf die Kacke gehauen, mit der Verlässlichkeit gegenüber den Werbepartnern argumentiert und finanzielle Aspekte in den Vordergrund gestellt.“ 2021 wurde beide Verträge verlängert, der mit Astra sogar um zehn Jahre.

Die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ hatten zwar mit dieser Reaktion gerechnet, nervten die Vereinsoberen aber weiter. Mit Erfolg: Jetzt genehmigte der Verein den ersten alkoholfreien Stand im Stadion – im deutschen Profifußball ohne Beispiel. Finanzieren müssen die Kaffeetrinker ihn aber aus Spenden, dem Verein war das zu teuer. Ziel der Antialkoholiker sind drei weitere Stände – in jeder Kurve einen. Aller Widerstände zum Trotz lautet ihre Botschaft lautet unverdrossen: „Fußball geht auch komafrei!“

 

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