Schwimmunterricht früher Foto: PR

Von Jörg Marwedel

Alfred Peuschel war eine Berühmheit am Gymnasium Blankenese. Er stand bis Anfang der 70er Jahre für eine altbackene, militaristische Art des Sportunterrichts, die bis 1972 „Leibesübungen“ hieß. Schüler, die am Unterricht nicht teilnahmen, hießen bei ihm „Zivilisten“, die Anderen waren „Partizipanten am Gefecht“. Es war zwischen 1967 und 1972 die Zeit, als sich in der Gesellschaft und im Sportunterricht viel änderte. Das Gymnasium für Jungen führte 1968 die Koedukation ein, es kamen nun auch Mädchen an die Schule. Für Peuschel war das ein Graus.
Diesen politischen Wechsel haben fünf Schüler der elften und zwölften Klasse des Gymnasiums für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten und der Körber-Stiftung unter dem Thema „Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft“ unter die Lupe genommen und dafür eine Auszeichnung erhalten.
Sie haben 28 Ehemalige, 66 heutige Schüler und drei Sportlehrer interviewt und sind den Aussagen der Philosophin und Journalstin Carolin Emcke auf den Grund gegangen. Emcke, die 1986 in Blankenese das Abitur machte, hat in ihrem Buch „Wie wir begehren“ den Sportunterricht kritisch betrachtet.
In den Lehrplänen für Jungen hieß es noch 1967: „Es sollten häufig Aufgaben gestellt werden, die Selbstüberwindung und Entschlußkraft verlangen“, damit man „dem Leistungswillen der einzelnen Schüler gerecht“ werden könne. Bei den Mädchen wurde festgehalten: „Freude und innere Teilnahme an den Leibesübungen können durch vielgestaltigen und den Neigungen der Mädchen entgegenkommenden Unterricht erhalten bleiben.“
Die Geschlechterrollen waren so festgeschrieben. Erst ab 1972 änderte sich das langsam. Zuvor waren schlechte Turner vor der Klasse oft von den Lehrern bloßgestellt worden. Heute, sagt Jorina Gödde, Sprecherin der Geschichtsgruppe, „findet so etwas gar nicht mehr statt“. Die Lehrer seien eher darauf aus, „dass alle einen Handstand können, nicht nur die Besten“.
Während damals Leichtathletik, Turnen und Schwimmen im Vordergrund standen, Fußball, Basketball, Volleyball bis 1972 als Freizeitbeschäftigung galten, kann man heute Hockeykurse belegen oder sich im Ski-Langlauf, Segeln, Badminton oder Triatlon versuchen. Der Wettbewerbsgedanke, so Schüler Jona David Schulz-Oster, „spielt heute nur innerhalb der Klassen noch eine Rolle, weniger bei den Lehrern“.
Es gibt aber doch noch ein paar Unterschiede: Mädchen belegen eher Gymnastik- oder Volleyballkurse, während Jungen etwa Basketball bevorzugen. Aber die Geschlechterrollen sind nicht mehr so festgelegt wie einst. Jorina Gödde sagt trotzdem: „Es ist noch nicht alles perfekt.“ Zudem gehe es ja nicht nur um die Emanzipation der Mädchen, sondern auch um die der Jungen.

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