Auf der Neuenfelder Traditionswerft am Südufer der Elbe gehen die Lichter aus. Foto: wit

Vorläufiger Insolvenzverwalter will allen Mitarbeitern kündigen – Vorhandene Aufträge nicht kostendeckend – Kein Geld für Transfergesellschaft – Gespräche mit Investoren laufen

Den verbliebenen 199 Beschäftigten der Neuenfelder Pella Sietas Werft droht eine schnelle Kündigung noch im September. Die jetzige Eigentümerin, die Pella Shipyard-Gruppe, wird kein weiteres Geld zur Verfügung stellen. Vorhandene Aufträge können zu den vereinbarten Bedingungen nicht kostendeckend fertig gestellt werden. Das hat der vorläufige Insolvenzverwalter, Rechtsanwalt Achim Ahrendt, auf einer Mitarbeiterversammlung erklärt.
In den vergangenen Wochen hatte ein Drittel der Belegschaft von sich aus gekündigt, nachdem drei Monate lang keine Gehälter mehr gezahlt worden waren.
Der Insolvenzgeld-Zeitraum ist für einen Großteil der Mitarbeiter bereits ausgeschöpft. Nur die gewerblichen Arbeitnehmer, die im Mai und Juni 2021 Kurzarbeitergeld erhalten hatten, haben noch bis Ende September 2021 Anspruch auf Insolvenzgeld. Danach müsste Pella Sietas die Löhne und Gehälter wieder selbst zahlen. Aber die Kasse ist leer.
Um eine Transfergesellschaft für die betroffenen Mitarbeiter zu schaffen, fehlt es an Geld. „Deshalb werden wohl die meisten Mitarbeiter direkt in die Arbeitslosigkeit gehen müssen“, sagt Emanuel Glass (IG Metall Region Hamburg).
Den vorläufigen Insolvenzverwalter trifft nach Einschätzung des Gewerkschafters keine Schuld am drohenden Aus: „Herr Dr. Ahrendt hat bisher einen sehr guten Job gemacht. Es ist uns gemeinsam gelungen, das Kurzarbeitergeld für Mai und Juni auszahlen zu lassen. Und durch die Vorfinanzierung des Insolvenzgelds konnten die Mitarbeiter zumindest schnell wieder an Geld kommen. Die Schuld an der katastrophalen Lage trägt die alte Geschäftsführung.“
Wie gehts jetzt weiter? Die Suche nach einem Investor ist in vollem Gang, mit über 150 Interessenten wurde bereits gesprochen. „Erste unverbindliche Angebote von Investoren liegen vor, die signalisiert haben, auch Arbeitnehmer übernehmen zu wollen“, so der vorläufige Insolvenzverwalter Ahrendt. „Keiner der Investoren kann und will aber die vorhandenen Aufträge zu den vereinbarten Konditionen fortführen.“ Deshalb wäre selbst im Falle einer Investorenlösung in den kommenden Monaten keine Beschäftigung vorhanden. Ahrendt weiter: „Zudem ist noch völlig offen, wie viele Mitarbeiter von dem potenziellen Erwerber übernommen würden – und wann.“
Nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens, die voraussichtlich Anfang Oktober erfolgt, wird Ahrendt deshalb – soweit die Auftraggeber nicht zu deutlichen Zugeständnissen bereit sind –, alle Verträge kündigen.

Hintergrund
Welchen Anteil haben der Bund und die Stadt Hamburg an dieser fast ausweglosen Situation? Die Grüne Bürgerschaftsabgeordnete aus Süderelbe, Gudrun Schittek, sagt: „Die Lage der Pella Sietas Werft war im Senat bekannt. Die Verschickung der Hafenbecken ist ein Problem, bei dem Unterstützung notwendig gewesen wäre. Die Werftleitung wollte die Hafenbecken frei zu spülen, so wie es regenmäßig zuvor die Sietas Werft gemacht hatte.
Das hätte jedoch enge Absprache mit der HPA erfordert, um die Tore des Estesperrwerks nicht zu gefährden. Außerdem hätten es Zugeständnisse von der Umweltbehörde erfordert. Diese Lösung wurde jedoch untersagt und stattdessen die Auflage erteilt, eine Spülleitung durch das Mühlenberger Loch zu legen. Das wäre jedoch sehr teuer und nicht kurzfristig umzusetzen gewesen .
Die Werft hatte außerdem unter Engpässen von Lieferanten, Personalausfällen durch Erkrankung von Mitarbeitern und Quarantäne zu leiden, so wie andere Unternehmen in der Corona Krise auch . Hier hätte Hamburg, wie bei anderen Unternehmen auch, mit Corona- Krediten überbrücken können. Als Begründung, warum das nicht erfolgt ist, heißt es, die Werft habe bereits vor der Corona Krise Schulden gehabt . Es ist jedoch in der Schiffbaubranche üblich, dass Werften den Schiffbau mit Krediten finanzieren müssen und Bezahlung erst bei Auslieferung erfolgt.
Die Werft hatte Corona Hilfen beim Bund beantragt, und konnte aufgrund von Liquiditätsproblemen die Voraussetzungen für Kredite nicht erfüllen.
Mit Unterstützung der Stadt Hamburg und des Bundes hätte es nicht zur Insolvenz kommen müssen. Die Werft hatte hochqualifizierte Mitarbeiter, das Know How im Spezialschiffbau und zahlreiche Aufträge.“

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