Olaf Zimmermann, Wilhelmsburg. Aufregung im Wilhelmsburger Osten: Anwohner möchten die im Gebiet Ellerholz geplante Deichrückverlegung stoppen. Kritisiert werden die massiven Auswirkungen auf Land und Leute sowie eine fehlende Bürgerbeteiligung. „Hier wird eine rote Linie überschritten“, sagt Claudia Plöchinger von der „Initiative gegen die Deichrückverlegung Ellerholz“. Der Stadtteilbeirat hat vor wenigen Tagen empfohlen, die geplante Deichrückverlegung im Ellerholz komplett auf den Prüfstand zu stellen. Aus Sicht des Naturschutzbunds (Nabu) ist die Deichrückverlegung sinnvoll (siehe Infokasten).

Hintergrund: Schutz vor Sturmfluten ist in Hamburg von existentieller Bedeutung. Regelmäßig wird überprüft, ob die Höhe der Deiche noch ausreicht oder ob nachgebessert werden muss. Dabei werden die Deiche nicht nur höher, sondern auch breiter – ein Eingriff in die Natur, der ausgeglichen werden muss. In Hamburg werden deshalb händeringend Ausgleichsflächen für die Deicherhöhungen gesucht.

Auch im Gebiet Ellerholz wurden man fündig. „Das Gebiet Ellerholz im Osten der Elbinsel Wilhelmsburg wurde hierzu aufgrund der Größe, Lage und Flächenverfügbarkeit als besonders geeignet identifiziert“, teilt Renate Pinzke, Sprecherin der Umweltbehörde, mit. Das Gelände gehört dem Sielverband Moorwerder und der Stadt Hamburg.

Besonders erfreulich aus Behördensicht: Eine Deichrückverlegung an dieser Stelle bringt der Stadt viele „Öko-Pluspunkte“, die für künftige Deicherhöhungen eingesetzt werden können. Renate Pinzke: „Besonders vor dem Hintergrund der Klimaentwicklung ist mit weiterhin steigenden Wasserständen zu rechnen, so dass für den Hochwasserschutz langfristig ein Bedarf an Ausgleichsflächen besteht. Die Deichrückverlegung im Gebiet Ellerholz stellt damit eine wichtige Basis und eine wichtige Voraussetzung für zukünftige Hochwasserschutzmaßnahmen in Hamburg dar.“

Was ist geplant? Der zurückverlegte Deich soll 80 Zentimeter höher als der vorhandene Moorwerder Hauptdeich in diesem Teilstück sein, insgesamt 8,70 Meter (über Normalhöhenull). Die Straße „Moorwerder Hauptdeich“ soll parallel zum neuen Deich verlaufen. Die Einmündungen der Straßen „Einlagedeich“ und „In de Huuk“ müssen dem geänderten Straßenverlauf angepasst werden.

Welche Auswirkungen hätte eine Deichrückverlegung auf vorhandene Biotope? „Die geplanten Baumaßnahmen hätten nur einen temporären und nicht nachhaltigen Einfluss auf die Pflanzen und Tiere. Durch die Vorlandgestaltung an sich wird der Lebensraum vieler Arten aufgewertet und vergrößert“, teilt die Umweltbehörde mit.

Ist der Boden im Plangebiet – einem Altspülfeld, auf das in den 1930er und 1940-Jahren Hafenschlick und Spülsand gebracht wurden – belastet? Die Umweltbehörde geht von einer „spülfeldtypischen Schadstoffbelastung“ aus. Genauere Untersuchungen sollen Ende 2021/Anfang 2022 erfolgen.

Wie ist der Stand des Verfahrens? Die technischen und naturschutzfachlichen Planungen für eine Deichrückverlegung am Ellerholz haben 2020 begonnen.
Die Verkehrsbehörde muss einen Planfeststellungsantrag stellen, über den die Wirtschaftsbehörde entscheidet. Der Antrag soll Ende 2023 gestellt werden. Im Rahmen des Verfahrens können Beteiligte, Betroffene und Verbände Einwendungen vorbringen. „Unter der Annahme, dass der Planfeststellungsbeschluss in 2025 vorliegt, könnte 2026 mit dem Bau begonnen werden“, sagt Behördensprecherin Pinzke.

Werden noch Alternativen zur Deichrückverlegung am Ellerholz untersucht? Nein, derzeit nicht.

Kritik der Initiative
>> Keine offizielle Information über das Vorhaben, keine Bürgerbeteiligung
>> Für die Menschen vor Ort erhöht sich die bereits bestehende verkehrsbedingte Belastung immens: Während der jahrelangen Realisierungsphase und durch das Verlegen der Straße direkt vor die Grundstücke. Der stark gestiegene alltägliche LKW-Verkehr durch die Nachbarschaft zu Kühne+Nagel und zu den Logistik-Zentren auf der Peute ist schon jetzt eine grenzwertige Herausforderung.
>> Für die größtenteils alten Gebäude im Maßnahmengebiet mit Schüttfundamenten, teilweise mit Fachwerk, Reetdach und unter Denkmalschutz stehend, wird’s wackelig und nass. Die durch die Maßnahme befürchtete Erhöhung des Grundwasserspiegels erhöhe den Druck auf die Fundamente und Keller.
>> Für den Schafstall und das Depotlager der Deichverteidigung steht ein Umzug ins Ungewisse an. Für die im Schafstall lebende Schleiereule, den Turmfalken und die Fledermäuse wäre der Umzug das Aus.
>> Welche Auswirkungen die massive Bodenbelastung im ehemaligen Schwemmland hat, welches hier beackert werden soll, bleibt unklar. In der öffentlich verfügbaren Version der Machbarkeitsstudie sind die entsprechenden Seiten geschwärzt.

Geschützte Pflanzen und Tiere
Nach Auskunft der Umweltbehörde befinden sich auf dem Gelände am Ellerholz folgende geschützte Pflanzen und Tiere (Schutzstatus gefährdet, stark gefährdet, vom Aussterben bedroht):
>> Tiere:
Tagfalter: Aurorafalter, Mauerfuchs, C-Falter, Waldbrettspiel
Amphibien: Kammmolch, Laubfrosch
Vögel: Grundsätzlich geschützt sind alle europäischen Vogelarten (gem. EU-Vogelschutzrichtlinie). Insgesamt kommen 44 verschiedene Brutvogelarten vor. Mindestens gefährdet sind: Bluthänfling, Feldschwirl, Fitis, Haussperling, Rauchschwalbe, Star, Weißstorch.
Fledermäuse: Breitflügelfledermaus, Fransenfledermaus, Großer Abendsegler, Mückenfledermaus, Rauhautfledermaus, Wasserfledermaus, Zwergfledermaus, grundsätzlich sind alle Fledermausarten streng geschützt.
Libellen: Grüne Mosaikjungfer
>> Pflanzen: Sumpfdotterblume, Knolliger Kälberkropf, Wasser-Greiskraut, Fluss-Greiskraut, Wiebels Schmiele, Aggregat Wasser Ehrenpreis, Schild-Ehrenpreis, Nelkenschmiele, Gabel-Säulenflechte, Feld-Mannstreu, Gewöhnliche Teichsimse, Weiße Seerose, Wasserfeder, Froschbiss, Zungen-Hahnenfuß.

Das sagt der NABU
Wie steht der Naturschutzbund Hamburg (NABU) zur geplanten Deichrückverlegung am Ellerholz? Es antwortet Eike Schilling (Referent für Gewässerschutz):

>> Für den Verlust an wertvollen Lebensräumen im Deichvorland durch die geplanten Deicherhöhungen sind entsprechende Lebensräume zwingend als Ausgleich zu entwickeln. Dafür ist eine Deichrückverlegung eine sinnvolle Maßnahme.
>> Positiv ist auch, dass die Maßnahme frühzeitig umgesetzt werden soll, lange bevor die meisten Deicherhöhungen umgesetzt werden. Dadurch haben die neu geschaffenen Lebensräume Zeit sich zu entwickeln bevor an anderer Stelle wertvolle Lebensräume in Anspruch genommen werden.
>> Wichtig ist uns als NABU, dass die geplante Deichrückverlegung als Ausgleich für die geplanten Deicherhöhungen auch ausreicht. Und dass die betroffenen Lebensräume und Arten vor Ort angemessen berücksichtigt werden. Ob und wie das genau passiert, steht erst mit Vorlage der Planfeststellungsunterlagen fest. Diese werden wir dann im Rahmen der Verbandsbeteiligung genau prüfen.

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