Annika Rittmann (18): „Hamburgs Klimaschutzgesetz ist verfassungswidrig.“ Foto: pr

An Hamburgs Klimapolitik übt Annika Rittmann scharfe Kritik. Die 18-jährige Sprecherin von Fridays for Future im Interview

Von Dirk Andresen. Hochwassertragödie in Deutschland, Europas Süden in Flammen und schließlich der dramatische Bericht des Weltklimarates – der Planet rast in einem immer verheerenderen Tempo in Richtung Katastrophe. Das Elbe Wochenblatt sprach mit der Eimsbüttelerin Annika Rittmann (18), bundesweit und auch auf Hamburger Landesebene Sprecherin von „Fridays for Future“, über Aktionen vor der Bundestagswahl und eine Botschaft an Donald Trump.

Elbe Wochenblatt: Frau Rittmann, packt Sie und Ihre Mitstreiter aufgrund der neuen Horror-Szenarien nicht immer mehr die Wut auf viel zu langsam und träge agierende Politiker?
Annika Rittmann: Ich denke, die sich weiter zuspitzende Klima-Krise bedeutet für uns alle einen Mix aus Gefühlen: Die Wut darüber, dass es passiert, die Angst vor dem, was noch auf uns zukommt und die Hoffnung, das Ruder noch herumreißen zu können. Da schwankt es bei mir jedenfalls hin und her, ich kann mal besser mal schlechter mit entsprechenden Nachrichten umgehen.

Was bedeuten die aktuellen Hiobsbotschaften für den Kampf, für die Motivation Ihrer Bewegung?
Rittmann: Naja, das ist schon gruselig. Der Bericht des Weltklimarates war noch nie so deutlich in seiner Schärfe. Aus bisherigen Warnungen ist eine erschütternde Wirklichkeit geworden, der durchschnittliche Anstieg der Temperatur auf unserem Planeten um 1,5 Grad wird – wenn wir so weitermachen – nicht erst 2050, sondern schon 2030 Realität. Natürlich ist das ganz viel Motivation, noch mehr zu machen, Demos, Streiks und neue Aktionen.

Sie haben kürzlich gemeinsam mit Bürgermeister Peter Tschentscher an einer Podiumsdiskussion über den Klimawandel teilgenommen. Haben Sie den Eindruck, dass er und der Senat bei diesem Thema auf dem richtigen Weg sind?
Rittmann: Hamburgs bisherige Klimapolitik reicht einfach nicht aus. Das, denke ich, weiß auch Herr Tschentscher. Es ist traurig und heuchlerisch, sich hinzustellen und zu sagen: Wir sind auf einem Super-Weg. Dafür braucht es auch in der Hamburger Klimapolitik viel konkretere Schritte.

Zum Beispiel?
Rittmann: In Hamburg fehlt es unter anderem an umweltfreundlichen und nachhaltigen Verkehrskonzepten. Mit der geplanten A26 soll hier eine neue Autobahn entstehen – im Kampf gegen den Klimawandel kann das nur falsch sein. Und bezogen auf die Bundespolitik müssen wir viel schneller als bisher vorgesehen den Ausstieg aus de Kohle schaffen. Das wird bewusst verschleppt.

Hamburgs grüner Umweltsenator Jens Kerstan stellte kürzlich stolz fest, dass Hamburg mit seinem Klimaschutzgesetz bundesweit beispielgebend sei …
Rittmann: Das mag in Teilen sogar wahr sein, ist aber umso trauriger, weil das Bundesverfassungsgericht auch das Hamburger Klimaschutzgesetz als verfassungswidrig einstuft – schlicht weil die darin avisierten Ziele einfach nicht ausreichend seien.

Hat Fridays For Future hier in Hamburg durch die ganz neue Dramatik im Kampf gegen den Klimawandel nochmal einen deutlich spürbaren Zulauf bekommen?
Rittmann: Es kommen immer wieder neue Leute bei uns dazu, wir merken das bei den Demos und auch anderen Aktionen. Und ich denke, das wird sich weiter zuspitzen. Jetzt steht die Bundestagswahl an – auch das eine Triebfeder für neuen Zulauf bei uns. Wir merken, wie nach und nach jüngere, aber auch andere Jahrgänge unsere Ansichten teilen.

Was macht Ihre Bewegung konkret, um durch die Bundestagswahl eine bessere Klimapolitik zu erreichen?
Rittmann: Wir haben da ja schon seit Wochen deutlich durch mehr Demos, mehr und neue Aktionen für unsere Standpunkte gekämpft und werden das Tempo auch noch weiter anziehen. Unter anderem mit ganz neuen symbolischen Aktionen.

Greta Thunberg, die schwedische Gründerin und Ikone von Fridays for Future, wurde wegen ihrer scharfen Kritik an Politikern und Lobbyisten schon oftmals scharf attackiert. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?
Rittmann: Wir erleben auch Hass und Menschen, die uns nicht wohl gesonnen sind. Ich sehe da drei Ebenen. Erstens: Menschen, die keine Bereitschaft zeigen, angesichts der dramatischen Umstände auch nur das Geringste zu ändern. Zweitens: Menschen, die einfach Angst haben, durch eine andere Klimapolitik sozialen Schaden zu nehmen. Mit diesen Menschen in einen Dialog zu kommen, ist ganz, ganz wichtig. Und drittens: Zeitgenossen, die durch Geschäfte mit fossilen Ressourcen und durch eine inkonsequente Klimapolitik profitieren. Mit denen kann man einfach nicht reden.

Wann sind Sie zu Fridays for Future gekommen, und wie anstrengend ist der Job?
Rittmann: Ich bin seit 2019 dabei. Naja, neben meinem Studium, dass ich ganz normal durchziehe, kommen da schon 30 bis 60 Stunden wöchentlich an Arbeit für unsere Bewegung dazu.

Wenn Sie dem größten Klimakrisen-Leugner ever, Donald Trump, mit einem Satz mal direkt die Meinung geigen könnten, was würden Sie ihm sagen?
Rittmann: Sie haben sich mit ihrer Politik jeglicher Realität verweigert und ständig nur ihren eigenen Vorteil gesehen. So einer wie Sie darf niemals wieder die Verantwortung in irgendeinem Land auf der Welt übernehmen.

>> fridaysforfuture.de

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