Das Gesundheitszentrum im Born Center. Foto: laren estate GmbH

„Grundversorgung im Stadtteil gefährdet“: Kassenärztliche Vereinigung will per Sonderbedarfszulassung gegensteuern

Von Carsten Vitt und Matthias Greulich. Die Praxis von Dr. Thomas Funke steht seit fast einem Jahr leer, und nun ist auch der Mietvertrag der Praxisräume von Dr. Karl-Heinz Nagel gekündigt worden, weil die Praxis nach Rissen verlegt wird. Jahrzehntelang kümmerten sich der Allgemeinmediziner und der Facharzt für Innere Medizin um die Patienten im Ärztehaus im Born Center. Im Stadtteilgremium Borner Runde heißt es, die medizinische Grundversorgung im Stadtteil sei „deutlich gefährdet“. Eine bestehende Praxis nehme wegen Überlastung schon keine neuen Patienten mehr an.

Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), Walter Plassmann, sieht die Entwicklung am Osdorfer Born kritisch. Das hat mit der Übertragung von Arztsitzen, einer Art Lizenz, eine Praxis zu betreiben, zu tun. So habe Dr. Nagel seine Zulassung vor einigen Jahren an das Asklepios Gesundheitszentrum Heidberg abgetreten und sei dort seitdem als angestellter Arzt tätig. Dieses Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) betreibt hamburgweit „Filialen“, auch die Praxis am Kroonhorst ist eine solche „ausgelagerte Betriebsstätte“. Die KV sieht diese Konstruktion, die von den Behörden erlaubt wurde, kritisch: „Die Frage, ob eine Filiale weiter betrieben wird, liegt in der alleinigen Entscheidung des MVZ-Eigentümers“, so Plassmann. Ein Mitspracherecht von Politik oder KV gebe es nicht.

Von diesen Freiheiten macht Eigentümer Asklepios jetzt Gebrauch: Die Zulassung von Dr. Nagel wurde Mitte des Jahres zur Hälfte auf andere Asklepios-MVZ übertragen: Der Arzt sei aktuell zu 50 Prozent an dem Sitz des MVZ in Volksdorf tätig, so Plassmann. Ab 1. Oktober werde Nagel die anderen 50 Prozent am Sitz des MVZ in Rissen ausüben, dort seinen Nachfolger einarbeiten und anschließend in den Ruhestand gehen.

Im Stadtteil heißt es daher, der Konzern verfolge offenbar das Kalkül, klammheimlich Arztsitze aus Osdorf abzuziehen und in Gegenden zu verlegen, wo es eine höhere Dichte an zahlungskräftigen Privatpatienten gibt. Asklepios-Sprecher Mathias Eberenz sagt, das Unternehmen stehe zu seiner Verantwortung, allen Hamburgern den Zugang zu wohnortnaher „und qualitativ bester Gesundheitsversorgung anbieten zu wollen“. Dafür stehen die MVZ in Harburg und in Wilhelmsburg, aber auch die kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung in Osdorf. Insgesamt zeichnet Asklepios ein deutlich rosigeres Bild von der medizinischen Grundversorgung als die Borner Runde (siehe Infotext).

Wie sich der Verlust von momentan anderthalb Arztstellen auf die gesundheitliche Versorgung im Osdorfer Born auswirkt, möchte Walter Plassmann wegen der laufenden Verfahren nicht abschließend bewerten. Eines sagt er dann aber doch: „Allerdings wären die Bedingungen für eine zusätzliche Zulassung dort („Sonderbedarfszulassung“) wohl jetzt schon gegeben.“ Auf diese Zulassung könnten sich interessierte Ärzte bewerben und von der KV beraten lassen.

Das sagt Asklepios: Asklepios-Presseprecher Mathias Eberenz bestätigt, dass „Dr. Nagel mit seinem Sitz zum 1. Oktober 2021 an das Asklepios Gesundheitszentrum Rissen wechselt, um dort eine Nachfolge einzuarbeiten und anschließend in den verdienten Ruhestand zu gehen (mit dann mehr als 75 Jahren)“. „Die Verlegung des Arztsitzes“, so Eberenz, „wurde uns vom Zulassungsausschuss der KV genehmigt. Und wie bekannt, genehmigt der Zulassungsausschuss einen Antrag auf Verlegung eines Arztsitzes nur dann, wenn die vertragsärztliche Versorgung vor Ort auch weiterhin gewährleistet ist. Nach unserem Kenntnisstand befinden sich im Umkreis von drei Kilometern der beiden von uns jetzt abgegebenen beziehungsweise verlegten Arztsitze mehr als ein Dutzend hausärztliche Internisten und etwa 30 Allgemeinmediziner, um die dortige Bevölkerung ambulant zu versorgen.“

Von Osdorf nach Langenhorn und zurück: Ebenfalls ein Problem für Osdorf könnte es werden, dass der Arztsitz von Dr. Funke schon vor Jahren an das MVZ Heidberg nach Langenhorn übertragen wurde. Den Arztsitz hat Asklepios zwar an die KV zurückgegeben, aber ob er jemals nach Osdorf zurückkehrt ist nicht sicher. Die Ausschreibung läuft auf den Sitz der Hauptbetriebsstätte. Das ist Langenhorn. Deshalb, so KV-Boss Walter Plassmann, gibt es auch keine rechtliche Handhabe, den Sitz in Osdorf zu halten, „wenn der übernehmende Arzt dies nicht machen möchte“.

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