Sehnsuchtsfenster & Balkontheater

Ein Fest der Nachbarschaft – in diesem Jahr ganz anders

Nach der Corona-Zwangspause feiert ALTONA MACHT AUF! in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag nach – an zwei Donnerstagen, am 9. und am 16. September, wird es während der altonale wieder überall in Altona die von den Anwohner_innen selbstinszenierten Sehnsuchtsfenster & Balkontheater zu sehen geben. Allerdings wird es in diesem Jahr nicht mehr die so beliebten Touren geben, auf denen das Publikum in der Vergangenheit zu den verschiedenen Performance-Stationen geführt wurde. Stattdessen kehrt AMA! zu dem zurück, was es eigentlich immer sein wollte und sollte: ein nachbarschaftliches Fest, das sich um die Frage „Wie wollen wir zusammen leben?“ dreht.

Als Tania Lauenburg, die Leiterin der theater-altonale, und der Theaterautor Carsten Brandau vor elf Jahren die partizipatorische Stadtteilperformance ALTONA MACHT AUF! initiierten, war die Idee eine ganz einfache: „In Altona gehen die Fenster auf. Die Balkontüren öffnen sich. Die Bewohner_innen treten aus der Anonymität heraus. Sie inszenieren ihre Sehnsüchte, ihre Vorstellungen von der Zukunft ihres Stadtteils auf ihre Balkone. In ihre Fenster. Und verleihen mit den Mitteln der performativen Künste dem Ausdruck, was im Alltag hinter der Fassade bleibt – sie geben Altona ihr Gesicht!“ Und was damals in vielen Ohren utopisch klang – es funktionierte! So fanden sich bereits im ersten Jahr an die 80 Sehnsuchtsfenster & Balkontheater zusammen, auf denen annähernd 600 Altonaer_innen ihrem Stadtteil ihr Gesicht gaben.

Eigentlich hatten Lauenburg und Brandau AMA! nur als einmalige Performance geplant. Doch der große Erfolg sorgte dafür, dass sich die Sehnsuchtsfenster & Balkontheater zu einem festen Bestandteil der altonale entwickelten. Immer mehr Nachbar_innen gaben Altona ihr Gesicht, posaunten Liebeserklärungen auf die Straße runter, lehnten sich aus dem Fenster oder tanzten auf ihren Balkonen die Zukunft ihres Stadtteils. Mit unvergesslichen Balkontheatern und manchmal rührenden, manchmal aufrüttelnden Sehnsuchtsfenstern verzauberten die Aufmacher_innen ihre Nachbarschaft.

AMA! entwickelte sich zu einem Projekt, das immer mehr Aufmerksamkeit bekam. So wurde es in verschiedenen Städten, wie z.B. in Hannover, Weimar oder Berlin, für die dortigen Nachbarschaften adaptiert – und es wurde sogar bundesweit ausgezeichnet (z.B. mit einer Nominierung für den Preis „Kulturelle Bildung“ der Staatsministerin für Kultur und Medien oder mit der Prämierung mit dem „Hamburger Stadtteilkulturpreis“)!

Einen wichtigen Bestandteil, der über die Jahre nicht ganz unwesentlich zu der Beliebtheit von AMA! beigetragen hat, stellten hierbei die verschiedenen Touren dar, auf denen das Publikum vom AMA!-Team zu den goldenen Sehnsuchtsfenstern & Balkontheatern geführt wurde. Immer mehr Zuschauer_innen schlossen sich diesen Touren an – und so war es keine Seltenheit, dass der Elektro-Punk-Musiker Knarf Rellöm, die Poetry-Slamerin Bente Varlemann, der Comedian Moritz Neumeier, der Musiker Ove Thomsen oder die Performerin Cornelia Dörr mit einem mehr als 200-köpfigen Publikum die Aufmacher_innen in den Nachbarschaften um den Altonaer Bahnhof herum besuchten. Doch eben diese Touren soll es in diesem Jahr nun nicht mehr geben – warum?

Lauenburg und Brandau führen zwei Gründe an: Zum einen, weil Corona, die entsprechenden Hygienekonzepte und die damit verbundenen Planungsunsicherheiten die Kapazitäten des Teams gesprengt hätten – zum anderen, und das sei eigentlich der entscheidende Grund für sie gewesen, weil sie mit dem Projekt zu seinem 10. Geburtstag wieder dahin zurück wollten, wo es mal angefangen habe: zurück in die Nachbarschaft. „Wir wollten weg von dem Groß-Event, zu dem sich AMA! immer mehr entwickelt hat,“ erzählen sie. Das sei zwar immer wieder toll gewesen – „aber irgendwie schien es uns in diesem Jahr unpassend.“ So hätten sie sich gefragt: „Warum sollten wir nach der Zwangspause einfach wieder dort weitermachen, wo wir aufgehört haben? Sollten wir nicht vielmehr das Wesentliche in den Blick nehmen und uns darauf konzentrieren, was AMA! eigentlich ist? Nämlich: Sehnsuchtsfenster & Balkontheater von Nachbar_innen für ihre Nachbar_innen!“

Und so wird es eben in diesem Jahr keinen Plan und keine Touren geben. „Natürlich wird es was zu sehen geben, klar,“ betont Brandau, „und unser Team vernetzt auch die verschiedenen Aufmacher_innen miteinander – wie jedes Jahr.“ Für die Aufmacher_innen selbst wird sich also wenig ändern – für das Publikum umso mehr! Und so sind die Zuschauer_innen eingeladen, sich am Abend des 9. und des 16. Septembers unter dem Motto „Nur wer hinguckt, sieht auch was“ auf eine Reise durch ihre Nachbarschaft zu begeben. „Schlendert an diesen beiden Abenden einfach mal durch Altona,“ empfiehlt Lauenburg. „Schlendert allein oder zusammen, nehmt euch ein Picknick mit und macht an irgendeiner Tischtennisplatte mal Pause. Das Wichtigste: Haltet eure Augen offen! Und so werdet ihr auf eurem Streifzug hier und da und vielleicht ja überall Sehnsuchtsfenster entdecken – vielleicht werdet ihr sogar Sehnsuchtsfenster sehen, zu denen euch eine Tour nie mitgenommen hätte!?“

Altona wird in diesem Jahr zum 10. Geburtstag der Sehnsuchtsfenster & Balkontheater also ganz anders als gewohnt aufmachen. Die Nachbarschaft steht im Zentrum, Nachhaltigkeit und gegenseitige Achtung. Das klingt erst einmal sehr sympathisch nach einem tatsächlichen „Fest der Nachbarschaft“, bei dem es ums Kennenlernen und den gegenseitigen Austausch geht. Ob sich die Nachbarschaft aber tatsächlich auf dieses Experiment einlassen wird, ob sie wirklich Eigeninitiative ergreifen und sich auf die vom AMA!-Team empfohlene Reise durch ihr Viertel begeben wird, bleibt abzuwarten. Zumindest den Aufmacher_innen, die bereits so viel Arbeit, Engagement und Liebe in ihre Sehnsuchtsfenster & Balkontheater gesteckt haben, sei es vergönnt – und vielleicht wird dieses neue Konzept ja die nächsten 10 Jahre von ALTONA MACHT AUF! prägen.

Und damit die Reise durch Altona für das Publikum nicht allzu wahllos ausfallen wird, haben Lauenburg und Brandau noch einen Tipp: „Achtet auf den goldenen Stoff, den die Aufmacher_innen schon ein paar Tage vor den Performances aus ihren Fenstern und von ihren Balkonen runter hängen lassen werden. Dahinter versteckt sich immer ein Sehnsuchtsfenster oder ein Balkontheater!“ Nebenbei auch in der Neuen Mitte Altona, die in diesem Jahr zum ersten Mal dabei sei, ergänzen die beiden – „aber mehr können wir nicht verraten.“

Nähere Infos und aktuelle Entwicklungen zu ALTONA MACHT AUF! gibt es auf www.altona-macht-auf.de, auf der Facebook-Seite des Projektes – und am besten im Gespräch mit euren Nachbar_innen!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here