60 Jahre nach dem Mauerbau zu Gast im Gymnasium Hochrad: DDR-Zeitzeugen Jürgen May und Wolfgang Thüne im Gespräch mit Moderator René Wiese vom Zentrum für Deutsche Sportgeschichte (v.l.). Foto: PR

OTHMARSCHEN. Ein Leben hinter einer unüberwindlichen Mauer können sich Deutsche, die im Westen aufgewachsen sind, kaum vorstellen. Zum 60. Jahrestag des Mauerbaus besuchten zwei ehemalige DDR-Spitzensportler das Gymnasium Hochrad und berichteten von ihrer Flucht aus der Deutschen Demokratischen Republik.
Leichtathlet Jürgen May und Geräteturner Wolfgang Thüne waren in der DDR gefeierte Sportstars und galten als sozialistische Vorzeigepersönlichkeiten. „Diplomaten im Trainingsanzug“ nannte die DDR-Führung ihre Hochleistungssportler. Zwar wurden ihnen Privilegien wie Reisefreiheit und ein hohes Gehalt eingeräumt, aber hinter den Kulissen herrschten riskante Trainingsmethoden und ständige Überwachung.

„Irgendwann eckte man bereits durch ganz banale Sachen an“, berichtet Wolfgang Thüne. Sei es, dass man dem Gegner aus dem Westen zum Sieg gratulierte, Schuhe der falschen Marke trug oder Verwandte im Westen hatte. Wenn jeder Wettkampf zum Klassenkampf wird und bei jeder Niederlage mit Karriereende gedroht werde, reiche die Liebe zum Sport irgendwann nicht mehr aus, um dabeizubleiben, so die beiden Sportler.

Deshalb entschlossen sich May und Thüne, wie zahlreiche andere DDR-Spitzensportler auch, zur Flucht in den Westen. May gelang 1967 der Weg in die Freiheit über Budapest, versteckt unter der Kühlerhaube eines amerikanischen Straßenkreuzers. Thüne entschloss sich 1975 nach der Leichtathletik-EM in Bern spontan zur Flucht. Als Helfer fungierte sein ärgster Rivale, der westdeutsche Turner Eberhard Gienger.
Die rund 50 Oberstufenschüler waren von den Schilderungen der beiden Zeitzeugen sichtlich beeindruckt. „Ihre Fluchtgeschichten, besonders die mit dem Versteck im Auto, wird mir auf jeden Fall im Gedächtnis bleiben. Für uns fast unvorstellbar, wie stark die DDR jeden überwachte und was für ein immenser Druck auf den Sportlern gelastet haben muss“, kommentierte Zwölftklässler Manuel die besondere Geschichtsstunde.

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