Ehrenamtliche Helfer: Rudolf Franz (li.) und Hans-Ulrich Fette. Innerhalb der vergangenen sechs Jahre hat die Einrichtung über 3.000 Gebrauchträder ausgegeben. Foto: cvs

In der Wohnunterkunft Sieversstücken ist Hans-Ulrich Fette (70) mittlerweile so bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund: „Kannst du meine Klingel reparieren?, fragt ein etwa zwölfjähriges Mädchen, die eben an der Fahrradwerkstatt vorbeigeradelt kommt. Zwei kleine Jungs haben Probleme mit „quietschenden Bremsen“, ein Vater möchte einen gebrauchten Drahtesel für seinen Nachwuchs erwerben. Freundlich, aber bestimmt schickt Fette seine „Kunden“ wieder nach Hause: „Am Donnerstag wieder“, sagt er.
Seit rund sechs Jahren können die Bewohner der Folgeunterkunft Sieversstücken (648 Plätze) und Suurheid (300 Plätze) einmal pro Woche gratis ihr Fahrrad auf Vordermann bringen lassen oder unter Anleitung selbst reparieren. Im unmittelbar neben dem Eingang liegenden „Haus 21“ hat Fette, der im Kirchengemeinderat Nienstedten sitzt, zusammen mit Rudolf Franz (82, Runder Tisch Blankenese) eine kleine Werkstatt eingerichtet, die auf 35 Quadratmetern alles bietet, was man so zum Reparieren benötigt – unter anderem Schlüssel, Schraubenzieher, Luftpumpen sowie Ersatzfelgen und -schläuche.
Wer will, kann für wenig Geld (fünf bis zehn Euro) ein Gebrauchtrad erstehen. Die beiden Ehrenamtlichen haben eine strenge Arbeitsteilung: Fette übernimmt die Schrauberei, Franz den Verkauf. „Er kann alle Probleme lösen – und er zeigt den Leuten, wie sie sich selber helfen können“, sagt Rudolf Franz über seinen Kollegen.

Schrauben noch und nöcher: Fast alle Ersatzteile wie auch Gebrauchträder stammen aus Spenden. Foto: cvs

Zu den typischen Defekten zählen defekte Lampen, ausgefallene Bremsen und „massenweise Plattfüße“, wie Hans-Ulrich Fette berichtet. „An oberster Stelle steht die Verkehrssicherheit“, erklärt der Werkstattleiter. Auf funktionierende Klingeln wird daher ebenso geachtet wie auf die Beleuchtung, die im Zweifel durch batteriebetriebene Lampen ersetzt wird, weil diese auch bei Schlechtwetter funktioniert.
Ersatzteile wie Schläuche oder auch Fahrradschlösser sind für wenig Geld zu bekommen. Sicherheit sei auch deshalb ein wichtiges Thema, weil ein Teil der Bewohnerschaft (unter anderem aus Syrien, Afghanistan und Eritrea) noch nie in ihrem Leben auf einem Rad gesessen habe. „Die Fahrradwerkstatt trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass die Bewohner mobil bleiben und am täglichen Leben teilnehmen können“, sagt Unterkunftsleiter Holger Norton (fördern & wohnen).

Kein Füße-Hochleger

Hans-Ulrich Fette. Foto: Privat

Hans-Ulrich Fette liegt das Schrauben und Basteln im Blut. „Ich hatte schon immer ein Faible für Technik“, berichtet der Pensionär, der schon als Kind eigenhändig Verstärker repariert und „zum Schrecken meiner Eltern“ ganz selbstverständlich mit elektrischem Strom hantiert hat. Später wurde Fette folgerichtig Elektromechaniker, baute Lautsprecher für Hafenbarkassen. Als die Rente anstand, hatte er aufs Ausruhen gar keine Lust – so entstand die Fahrradwerkstatt. „Ich war nie ein Füße-Hochleger“, sagt Fette.
Auch privat wird bei ihm viel geradelt und geschraubt. Mit Ehefrau und drei Kindern war er viel auf Tour Auch heute noch unternimmt das Ehepaar regelmäßig Radausflüge – zum Beispiel rund um den Plöner See oder nach Glückstadt („zum Matjesessen“). Inzwischen auf E-Bikes, was aber die sportliche Leistung nicht schmälern soll. Ein Auto hat das Ehepaar auch. „Es steht aber mehr rum, als dass es fährt“, lacht Hans-Ulrich Fette.

 

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