Michel Platini (l.) - hier 2009 mit Rafał Dutkiewicz und Grzegorz Lato - war der überragende Kicker der Fußball EM 1984 in Frankreich. Foto: Wikipedia.org/ Klearchos Kapoutsis

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Letzte Woche erzählte ich, wie ich mit meiner Familie zum ersten Mal nach Frankreich reiste. Es war der EM-Sommer 1984. Und ich kann mich heute noch gut daran erinnern, wie meine Mutter auf einem Markt Honig kaufen wollte, dann aber, als der Mann am Stand bemerkte, dass wir Deutsche waren, ihr das Glas aus der Hand gerissen wurde. Er schubste sie, schrie immer wieder „Boche“, dann „Nazis“, bis wir schließlich das Weite suchten. Ein anderes Mal, in einem Supermarkt, wurde mein Vater von einem älteren Monsieur sogar mit einem Baguette bedroht. Und dennoch waren es die schönsten Ferien meines Lebens, denn wir trafen vor allem viele freundliche Franzosen.

Meist waren wir mit unserer Gastfamilie zu Acht in einem Renault 5 unterwegs, in dem sie uns die Gegend zeigten – Nimes, Avignon oder das Ardeche-Tal. Meine Brüder hockten im Kofferraum. Und an den Fußballabenden saß ich alleine in dem winzigen Auto und hörte die Übertragungen der Europameisterschaft im Radio. Dass ich kein Wort verstand, war nicht wichtig. Ich hörte ja die Namen der Spieler und stellte mir die Gesichter und Geschichten dazu vor. Und ich wusste, wann Tore gefallen waren. Das langte.

Auch das Endspiel zwischen Frankreich und Spanien verfolgte ich im Renault: Tigana, Giresse und Bruno Bellone gegen Arconada, Camacho und Santillana. Doch ich hörte immer nur Platini. Der französische Spielmacher mit den langen Haaren hatte das Spiel der Franzosen und die gesamte EM geprägt. Am Ende sollte er neun Tore geschossen haben und Europameister geworden sein. Später sogar Weltfußballer. Die gesamte zweite Halbzeit aber knallte ein mächtiger Regen in dicken Tropfen wie Kleingeld auf das Autodach. Und dann war das Spiel vorbei. Erst als die ersten Franzosen mit der Tricolore durch die Straßen tanzten, die Marseillaise sangen und immer wieder „PLA-TI-NI!“ riefen, war auch mir klar, wer gewonnen hatte.

Viele Jahre später begegnete ich Michel Platini einmal persönlich. Für wenige Minuten. Auf einer Pressekonferenz sprach er als Funktionär über die Zukunft des europäischen Fußballs. Doch ich hörte gar nicht wirklich zu. Denn in Gedanken saß ich in einem alten Renault in Südfrankreich. Ich war wieder zehn Jahre alt. Es regnete in Strömen. Das Radio lief. Und ich hatte die Stimme des Kommentators im Ohr.

Oliver Lück verabschiedet sich in die Sommerpause. Ab September wird er wieder regelmäßig „Neues vom Nachbarn“ erzählen.

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