Nordfriesisches Wattenmeer mit Hallig Süderoog (Mitte), dahinter die Insel Pellworm, davor Süderoogsand. Foto: Wikemedia/ Ralf Roletschek

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Die erste Begegnung mit dem Meer, noch vor der Schulzeit, spätere Siebziger, Nordsee, irgendwo in Holland: Als Vierjähriger tappte ich am Wasser entlang, buddelte Löcher und manchmal meine Brüder ein. Es wurden Muscheln gesammelt, Schätze vergraben und Quallen zermatscht. Es waren endlos lange Sommerferien und die schönsten Tage des Jahres, an denen immer die Sonne schien. Weicher warmer Sand. Salz in der Luft.

Gefühlte Augenblicke, die für alle, die schon mal an der Nordsee waren, bis heute sonderbar vertraut bleiben: Das Schmatzen der nackten Füße im schlammigen Schlick. Der seltsam schwefelige Geruch. Der Anblick der weggespülten Sandburg. Das Geräusch des Gummiballs auf dem harten Holzschläger. Und auch im Fotofamilienalbum „Nordstrand 1985“ ist vor allem sehr viel Weite und Watt zu sehen. Es ist ein Reich, das regelmäßig untergeht. Kosmisch präzise. Zweimal am Tag. Keine Autos. Keine Öffnungszeiten. Natur ohne Ende. Barfuß bis zum Horizont. Scheinbar ohne Leben. Doch kaum ein Ort ist so lebendig. In der salzigen Grauzone gibt es mehr Biomasse als im Urwald. Aus nichts wird dort etwas. Doch nichts bleibt, wie es ist. Das Einzige, das hier über Normalnull liegt, sind die wenige Zentimeter hohen Häufchen, die aussehen wie Sandspaghetti, als drücke da jemand graubraune Zahnpasta aus dem Erdreich – in Spiralen aufgehäufte Verdauung: Wattwurmkacke.

Neulich las ich eine schöne Kleinanzeige im Internet: „Ein Kubikmeter Watt. Ganz frisch. Preis: Verhandlungssache. Nur Abholung! Einen Monat Rückgabe. Der Käufer zahlt den Rückversand.“ Man sollte sich mal vor Augen führen, was man da gekauft hätte: In nur einem Kubikmeter matschigen Meeresboden sollen bis zu 100.000 Tiere stecken. Es ist ein Kabinett wundersamer Kreaturen, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind. Darunter höchst eigenartige Geschöpfe wie wulstige Pantoffelschnecken, der Bäumchenröhrenwurm, der Höhlenschlangenstern, Kiemenringelwürmchen oder die Seenelke, ein urtümliches Blumentier mit bläulich schimmernder Rastafrisur. Minikrebse, Milben und Wimperntierchen, die sich mit Saugnäpfen an Sandkörner heften. Willkommen im Reich der Zwerge! Fahren Sie doch mal hin. Sind ja bald Ferien. Und im Watt ist Platz für alle.

 

Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

www.lueckundlocke.de

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here