Wer in S- und U-Bahnen beim Betteln oder Musizieren erwischt wird, muss noch draufzahlen. Foto: rs

Reinhard Schwarz, Hamburg. Fahrgäste in S-Bahn- oder U-Bahnen kennen das: Jemand betritt das Abteil, bittet um eine Spende, meist verbunden mit einer kurzen Ansprache über seine Situation. Die meisten der Fahrgäste versuchen den um Hilfe Bittenden zu ignorieren, schauen angestrengt aus dem Fenster oder auf das Display ihres Handys. Einige erbarmen sich, werfen etwas in den Becher. Dabei ist das Betteln und auch das Musizieren im Bereich des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) verboten. Wer dabei erwischt wird, muss eine „Vertragsstrafe“ in Höhe von 40 Euro zahlen, so steht es in den Beförderungsbedingungen.
Doch kann man Menschen, die nichts oder nur wenig haben, fürs Betteln 40 Euro abknöpfen? Der HVV hat dafür in 2020 „Vertragsstrafen“ in Höhe von 49.640 Euro kassiert. „Die Menschen betteln in der Regel, weil sie darauf angewiesen sind und keine anderen Einkünfte haben. Die Corona-Pandemie hat ihre Situation allein dadurch verschärft, dass weniger Menschen in der Innenstadt unterwegs sind und somit seltener Geld gegeben wird“, sagt Stephanie Rose (Linke), Bürgerschaftsabgeordnete aus Wilhelmsburg.
Sprecher des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) und der S-Bahn verteidigen ihr Vorgehen. „Die Mitarbeiter gehen selbstverständlich mit Augenmaß vor. Denn das Ziel von Vertragsstrafen ist nicht das Erheben solcher, sondern das möglichst flächendeckende Einhalten der Bedingungen – das wiederum ist die klare Erwartungshaltung der Kunden“, erklärte eine Pressesprecherin des HVV. Bei einem ersten Verstoß gegen das Bettel- und Musizierverbot würden die Mitarbeiter noch eine Mahnung aussprechen. „Bei wiederholten Verstößen oder absoluter Uneinsichtigkeit wird aber natürlich auch die Strafe erhoben.“

Die Menschen betteln in der Regel, weil sie darauf angewiesen sind und keine
anderen Einkünfte haben
Stephanie Rose
Bürgerschaftsabgeordnete (Linke) aus Wilhelmsburg

Ein S-Bahnsprecher verdeutlichte, dass das Vorgehen der Sicherheitskräfte auch im Interesse der HVV-Kunden sei: „Uns erreichen immer wieder Beschwerden, viele Fahrgäste fühlen sich durch das Betteln und Musizieren gestört.“ Wer den Menschen helfen wolle, sollte vielmehr Hilfsorganisationen wie etwa die Bahnhofsmission unterstützen.
Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter beim Obdachlosenmagazin Hinz&Kunzt, hat für die Vertragsstrafe für Bettler und „wilde“ Musiker kein Verständnis: „Es bettelt keiner aus Spaß. Das sind alles Personen, die kein Geld haben. Also werden sie diese Strafe nicht bezahlen können. Das wird irgendwann dazu führen, dass diese Menschen wegen nicht bezahlter Strafen im Gefängnis landen.
Ich persönlich habe noch nicht erlebt, dass sich Menschen in S- oder U-Bahnen beschwert haben. Dieser kurze Augenblick ist durchaus erträglich. Auch süchtige Menschen sind in Not und versuchen auf legale Weise etwas zu verdienen.“

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here