Die Jakobsmuschel ist das Symbol für den Jakobsweg. Foto: Wikemedia/1971markus

Neues vom Nachbarn – Wochenblatt-Kolumne von Oliver Lück

Ich bin traurig. Maria aus Logroño ist gestorben. Vor Jahren hatte ich sie außerhalb der nordspanischen Stadt in den Weinbergen getroffen. Dort lebte sie allein in einem kleinen Haus. Dort saß sie jeden Tag vor ihrer Haustür unter einem knorrigen Feigenbaum an einem alten Schreibtisch. Ihr halbes Leben lang.
Maria konnte die Menschen mit den Rucksäcken und Wanderstöcken schon aus einiger Entfernung sehen, wenn sie die schmale asphaltierte Straße und den kleinen Hügel hinunterkamen. Vor ihr auf dem Tisch lagen ein Stempel, ein Stempelkissen, ein Stift, ein Zettel und ein Gästebuch.

Eine Plastikfolie schützte es vor dem Regen. Zwei schwere Backsteine sorgten dafür, dass der Wind die Folie nicht fortriss. Doch das Wichtige war nicht das Buch, es war der Stempel. Maria saß dort, um den Familienstempel in den offiziellen Pass der Pilger zu drücken. Jeder muss diesen Ausweis mit sich führen und unterwegs immer wieder stempeln lassen, um in Santiago de Compostela die finale Urkunde seiner Pilgerschaft zu erhalten.

Maria war eine Stemplerin. Sie saß einfach da und wartete, gab jedem ein „Buen Camino“ mit auf den Weg. Und jedem, der mochte, drückte sie mit größter Sorgfalt einen Stempel in den Pass. Immer warf sie einen kurzen, prüfenden Blick auf den Abdruck und achtete darauf, dass die Farbe nicht verschmierte. Dann schrieb sie das Datum daneben.

Sie sagte: „Das ist meine Aufgabe.“ Und der Stempel war die Verbindung zwischen ihr und den Pilgern – zwischen zwei Welten. Denn auch wenn diese Begegnungen oft nur wenige Augenblicke dauerten, waren beide Seiten nicht grundverschiedener: hier die Pilger, immer unterwegs, jeden Tag an einem anderen Ort, dort die alte Frau, daheim vor ihrem Häuschen im Schatten des Feigenbaumes, längst angekommen, wo viele noch hinwollten: bei sich selbst.

Sie war klein, die Welt der Maria Mediavilla. Alles lag ganz nah beieinander. Das Haus, der Tisch, der Weg. Ob es nicht langweilig ist, immer hier zu sitzen, hatte ein junges Mädchen aus Österreich einmal gefragt. „Oh doch, manchmal schon“, hatte Maria geantwortet, „doch dann liegt es an mir, aus meiner Zeit etwas zu machen.“ Zeit ist das, was man aus ihr macht – einfacher und schöner könnte diese Geschichte nicht enden.

 

Oliver Lück

Oliver Lück.
Foto: www.heiderose-gerberding.com

… ist Journalist und Buchautor. Jede Woche erzählt er an dieser Stelle von seinen Beobachtungen und Begegnungen. Aktuell im Handel sind von ihm:

Der Strandsammler
(Rowohlt Verlag, 144 Seiten)

Buntland – 16 Menschen,
16 Geschichten
(Rowohlt Verlag, 256 Seiten plus 32 Fotoseiten)

www.lueckundlocke.de

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